Berichte

Ursli Pfister – Peggy March, Frau Huckenberger und ich – 03.09.2026 – Bonn

Bonn, Pantheon

Die amerikanische Sängerin Peggy March hat das Leben von Christoph Marti, der ein Teil der „Geschwister Pfister“ ist, sehr geprägt. Schon zu Kinderzeiten hörte er ihre Lieder und bekam durch sie im eher bürgerlichen und einengenden Bern der 1970er-Jahre einen weiten Blick auf die Welt. Jetzt war er als „Ursli Pfister“ mit einem Programm über Peggy March unterwegs. Laut Plakat ging es dabei nicht nur um sie und ihre Musik, sondern auch um die mir völlig unbekannte Frau Huckenberger und um ihn selber – also Ursli Pfister. Oder doch Christoph Marti? Peggy March war mir ein Begriff, auch wenn Schlager nicht meine Musik waren. Trotzdem waren ihre Lieder mir immer mal begegnet und ich hatte die Refrains einiger ihrer Hits im Kopf. Ich wusste auch, dass sie eine sehr gute Stimme hatte, die kraftvoll und trotzdem leicht und unbeschwert klang. Das hatte sie schon 1963 gezeigt, als sie mit gerade mal 14 Jahren „I will follow him“ sang und zum Welthit machte. Ein Zusammentreffen von Peggy March und den wunderbaren „Pfisters“, von denen ich mich erfahrungsgemäß auch bei Schlagern widerstandslos und lächelnd mitnehmen ließ, versprach einen schönen Abend.

Die Show begann in den 60er-Jahren mit einer Peggy March im knallgelben Minikleid und mit hohen, weißen Stiefeln, die schwungvoll und lächelnd das mitreißende „Carnaby Street“ sang. Dabei wurde sie von der großartigen Jo Roloff Band begleitet. Sie machte die typischen kleinen Tanzschritte der Zeit und die „Swinging London“-Atmosphäre war sofort da. Das war schon mal ein richtig guter Einstieg. „Ich bin gar nicht Peggy March. Ich tu nur so“, verriet Ursli Pfister nach dem Applaus verschmitzt. Oder war das Christoph Marti, der das sagte? Ich verlor den Überblick über die Kunstfigur „Ursli Pfister“ und den Menschen „Christoph Marti“. Das war aber vielleicht so gewollt.

Zu den fließenden Übergängen von Peggy March zu Christoph Marti passte, dass sich ein Paravent als Garderobe und ein Schminktisch offen auf der Bühne befanden. Während der Perücken- und Kostümwechsel erzählte Christoph Marti aus seiner Kindheit, und das Publikum sah währenddessen bei seiner Verwandlung in die nächste Peggy March Version zu. Dass er beim Erzählen manchmal stockte, weil er sich auf das Anziehen seines Kleides konzentrierte oder stumm die helfende Garderobiere anblickte, die kurz den Sitz der neu gewechselten Perücke überprüfte und noch schnell eine Strähne nach hinten strich, gefiel mir sehr. Es betonte den Wechsel zwischen der Bühnenshow als Peggy March und dem „normalen“ Leben als Ursli Pfister oder eben Christoph Marti. Und es war faszinierend: Manchmal hatte er beim Umziehen einen Fuß auf die Sitzfläche des Stuhls gestellt, der sich vor dem Schminktisch befand, und sagte kein Wort, während er sich nur mit dem Anziehen eines Schuhs und dem Schließen der Schnalle beschäftigte. Die Musiker standen wartend, die Backgroundsängerinnen blickten zu ihm, und die Zuschauer im Saal blieben komplett still und sahen ihm aufmerksam zu. Die ganze Zeit über. Die Spannung blieb.

Mit fünf Jahren, so erzählte er, lernte er durch die Tochter der Nachbarn die damals aktuelle Musik kennen. „Ich war hingerissen. Verzaubert.“ Die Nachbarn waren die Huckebergers, und der kleine Christoph fragte Frau Huckeberger, ob er rüberkommen und bei ihr Platten hören dürfe. Sie freute sich, er durfte, kam sehr oft und lernte so die Musik von Peggy March kennen. Ich sah vor mir, wie er zwischen den Huckebergers auf dem Sofa saß, aufmerksam den Texten zuhörte und dabei das Cover der Platte betrachtete. Nach seinen persönlichen Erinnerungen kam immer wieder Peggy March mit einem zur Zeit und Erzählung passenden Lied auf die Bühne. Zwei Backgroundsängerinnen, die auch tanzen konnten, begleiteten sie singend, tanzend und darstellend, was abwechslungsreiche Bilder brachte. Während sich Christoph Marti umzog oder plauderte, machten es sich die beiden oft auf einer Couch bequem und blätterten in einer alten „Bravo“. Auch das war schön.

Wie immer bei den Pfisters war alles liebevoll und authentisch inszeniert. Es stand nicht eine verblüffend echte Imitation von Peggy March auf der Bühne, aber „Ursli Pfister“ kam der Figur in ihren wesentlichen Zügen sehr nahe, die Atmosphäre war stimmig und das Publikum wurde sofort mitgenommen. Von den Kostümen bis zu den Tanzschritten stimmte alles. Hingabe und Respekt waren da, aber auch ein kleiner Rest von Distanz und Augenzwinkern. Genau das machte die Shows so gut.

Der Abend verschmolz zu einer schönen Mischung aus Auftritten von Peggy March und den persönlichen Kindheits- und Jugenderinnerungen von Christoph Marti. Die zeigten, wie wichtig Peggy March und ihre Lieder für ihn und seine Entwicklung waren. Wie sie ihm den Blick auf die Welt und das Leben öffneten, auf die Möglichkeiten, die es gab, und ihn schließlich selber auf die Bühne brachten. Auf die Lieder hätte ich natürlich nicht verzichten wollen, aber die anschaulichen, persönlichen Erzählungen gingen mir noch mehr ans Herz. Ich konnte die heftige Enttäuschung des kleinen Christophs spüren, als seine Grundschullehrerin die kleinen Herzchen, die er anstelle der i-Punkte malte, nicht gut fand, kämpfte mit ihm, als er im 5. Schuljahr trotzig durchsetzte, ein Lied von Zarah Leander bei der Schulaufführung präsentieren zu dürfen, und freute mich, dass er dafür seinen ersten, großen Applaus bekam.

Fast am Ende zeigte Christoph Marti das Plattenalbum mit den Peggy March Singles, von dem er vorher immer gesprochen hatte, und sofort wurde alles wahr, was er vorher erzählt hatte. Bis dahin war ich davon ausgegangen, dass vieles stimmte, er aber vielleicht auch hier und da geglättet und ergänzt hatte. Aber mit dem tatsächlichen Album vor Augen, musste alles stimmen. So fühlte es sich zumindest an und so wollte ich es jetzt glauben.

Am Ende gab es ein sehr begeistertes Publikum und Standing Ovation.

Als Zugabe kam ein schönes „Mit 17 hat man noch Träume“, das wunderbar zur Aussage des Programms passte. Was für eine schöne, musikalisch runde und herzerwärmende Inszenierung! Und natürlich ein toller Christoph Marti. Oder Ursli Pfister. Je nachdem.