Berichte

Hans Albers – Sein Leben, seine Lieder – 04.09.2026 – Erftstadt

Dirk Witthuhn und Wolfgang Völkl
Erftstadt, Anneliese Geske Musik- und Kulturhaus

Hoch über der Bühne hing eine einzelne Möwe als Dekoration. Die fand ich für einen Hans Albers Abend und den Bezug zu Hamburg und seinen Seemannsliedern sehr passend. „Ich finde die weiße Taube schön“, hörte ich eine Zuschauerin in der Reihe hinter mir sagen. Okay, die Möwe war etwas zerfleddert und hatte keinen ausgeprägten Hakenschnabel, und wenn es sich um ein Arche-Noah-Singspiel handeln würde, könnte sie notfalls eine Taube darstellen, aber doch nicht bei Hans Albers. Anscheinend betrachtete die Zuschauerin weiterhin die Bühne, auf der mehrere Instrumente standen. Ich hörte sie fragen: „Was für ein Gerät ist das nochmal?“ „Eine Quetschkommode“, antworte ihr Begleiter mit sicherer Stimme. Meinte er das Akkordeon? „Ach, nein“, korrigierte er sich kurz danach selber und erklärte: „Ein Schifferklavier!“ „Ach ja“, hörte ich sie zustimmend sagen. Dann wieder er: „Nein, … da gibt es eine genauere Bezeichnung.“ „Schifferklavier!“, sagte sie nachdrücklich, und er: „Etwas anderes. Ich sehe das zuhause bei Google mal nach.“ Daraufhin fragte sie anscheinend ihre Sitznachbarin: „Wie heißt das Gerät da?“ „Akkordeon“, kam die ruhige Antwort. „Ach ja.“ Die Veranstaltung erwies sich schon vor Beginn als humoristisch und kurzweilig.

Im Programm ging um Hans Albers, der zwar schon 1960 gestorben war, aber immer noch als eine der bekannten Größen des frühen deutschen Tonfilms galt. So dachte zumindest ich. Beim Blick auf das Publikum, das im Schnitt altersmäßig auffällig weit oben lag, wurde mir klar, dass es inzwischen jüngere Generationen geben musste, die mit dem Namen nicht mehr viel anzufangen wussten. Ich rechnete trotzdem nicht damit, dass Dirk Witthuhn und Wolfgang Völkl nun einen seniorengerechten Liederabend mit Akkordeon anbieten würden. Das taten sie auch nicht.

Wolfgang Völkl war auf der Bühne „Herr Schöngeist“, der für die gekonnte musikalische Begleitung am Flügel und zwischendurch am Kontrabass zuständig war, während Dirk Witthuhn Hans Albers darstellte und mit Wechsel von Haltung und Stimme auch zu Erzähler und Weggefährten von Albers wurde. Auf einem Tisch stand griffbereit eine Flasche, aus der sich immer wieder eingeschenkt wurde, denn auch der Alkohol war im Leben von Hans Albers ein ständiger Begleiter.

Der Hans Albers auf der Bühne war keine naturgetreue Imitation des Originals, aber die breitbeinige Haltung, hin und wieder ein norddeutscher Akzent und ein Schluchzer in der Stimme beim Singen, und vor allem die mehr als selbstbewusste Ausstrahlung brachten die Persönlichkeit von Hans Albers sehr gut rüber. Nach dem Einstieg mit einem kraftvoll geschmetterten „Hoppla, jetzt komm ich!“, bei dem Dirk Witthuhn den vollen Albers-Charme ausspielte, ging es zurück in die Jugend des späteren Ufa-Stars.

Es war eine Biographie, die erzählt wurde, mit Daten und Hintergrundinformationen, aber nicht trocken, sondern als spannendes, abwechslungsreiches Stück mit Schauspielszenen, Anekdoten und Liedern. Hans, der Metzgersohn des „Knackwurstkönigs von St. Georg“ – auch „der schöne Wilhelm“ genannt und anscheinend ebenso so großspurig und selbstverliebt wie später sein Sohn -, war schon früh fasziniert vom Theater. Er schmiss seine Kaufmannslehre und ging als Eleve zur Wanderbühne. Von dort ins Berlin der Zwanzigerjahre, wo er Conférencier in Shows und Kleinstdarsteller in Stummfilmen war. Albers-Lieder wie „Bin ein Bohemien“ und „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“ untermalten die Erzählungen und brachten ein stimmiges Bild der Zeit.

Hans Albers lernte Hansi Burg, die schnodderige Tochter seines Schauspiellehrers kennen, und auf der Bühne setzte Dirk Witthuhn eine Sonnenbrille auf, wechselte Haltung und Stimme und wurde zur jungen, berlinerisch redenden Hansi, die ihrem Hans Tipps für dessen berufliche Zukunft gab. Großspurig sein, laut, ein Draufgänger und so zum König des Tonfilms werden. Der selbstbewusste und großspurige Albers wurde noch lauter und großspuriger und kam gut an. Auch bei den Frauen.

Musikalisch war es abwechslungsreich. Es gab sehr guten Arrangements, verschiedene Instrumente und laut geschmetterte, aber auch besinnliche Albers-Lieder. Dirk Witthuhn sang sehr gut und so kraftvoll, dass ich zwischendurch dachte, dass sein Mikrofon vermutlich gar nicht notwendig war. Wenn es nicht eingeschaltet gewesen wäre, hätte das wohl niemand gemerkt. Zwischen den Liedern gab es sehr gut gemachte Spiel- oder Erzählszenen über das Leben von Hans Albers. Die waren so anschaulich, dass sie Bilder in meinem Kopf erzeugten, denen ich sofort folgen konnte. Heinz Rühmann und Hans Moser kamen zu Wort und erzählten Anekdoten über den lauten, selbstgefälligen Albers. Der Filmdialog aus „Der Mann, der Sherlock Holmes war“, aus dem Jahr 1937, mit Heinz Rühmann als Watson und Hans Albers als Holmes, wurde originalgetreu vorgetragen und ging in das vertraute Lied „Jawohl, meine Herrn“ über. Auch Göbbels, Präsident der Reichskulturkammer, von Albers konsequent „Gööhbels“ genannt, kam zu Wort und forderte ihn auf, sich als „deutsche Leitfigur“ zu verhalten, endlich zu den Filmbällen der Reichskulturkammer zu erscheinen und sich von seiner jüdischen Partnerin Hansi Burg zu trennen. Der Form halber trennte sich Hans schließlich von Hansi, lebte aber weiter mit ihr zusammen. Als Hansi alleine ins Ausland ging, war Albers tief getroffen, was von Dirk Witthuhn berührend gezeigt und mit dem sanften, nachdenklichen Lied „Ich hab eine kleine Philosophie“ ergänzt wurde. Sehr schön.

Nach „Goodbye, Johnny“, „La Paloma“ und „Auf der Reeperbahn“, großen Hits aus seiner Filmkarriere, bei denen das Publikum zum Teil mitklatschte und leise mitsang, ging es bis zu „Mein Gorilla hat ’ne Villa im Zoo“, das der Albers auf der Bühne mit einer Alkoholflasche in der Hand schmetterte. Die Karriere plätscherte aus, die jüngeren Schauspieler bekamen jetzt seine Rollen.

Am Ende applaudierte das Publikum begeistert für die schauspielerische Darstellung, die Musik, die runde Inszenierung und den sehr interessanten und durchgehend spannenden Abend. Und fast nebenbei wurde nicht nur sehr wahrheitsgetreu die Biographie von Hans Albers vermittelt, sondern auch der Mensch mit Schwächen und Stärken gezeigt. Es bleibt das Bild des lauten Draufgängers, der umschwärmt wurde, viele Frauen hatte, sich nicht einfügte, viel Alkohol trank, trotzdem professionell arbeitete, großspurig und selbstverliebt war, hin und wieder auch nachdenklich sein konnte und ganz im Inneren auch einen weichen, empfindsamen Kern hatte.

Ein sehr schöner Abend!


Dirk Witthuhn wird im Internet „Witthuhn“, aber auch „Wittun“ geschrieben – was phonetisch kaum einen Unterschied macht, mich aber verwirrt . Ich habe mich hier für die Version mit den zwei fast unhörbaren Hs entschieden.