Maybebop – „Vier Typen. Vier Mikrofone. Sonst nichts. – 08.05.2026 – Köln
Köln, Gloria
Das neue Programm von Maybebop war noch ganz frisch. Vor einer Woche erst hatte es Premiere gehabt, jetzt war es in Köln zu erleben. Außerdem war genau an diesem Tag Jans Geburtstag, was aber nicht mit Köln oder dem neuen Programm zusammenhing. Doch wo konnte man seinen Geburtstag schöner verbringen als im kuscheligen Gloria, einem früheren Kino, dessen plüschig rote Einrichtung noch auf das damals heiße Filmprogramm hinwies. Kinderkram war das jedenfalls nicht gewesen. Dass das Programm ganz neu war, stellte mich vor das Problem, dass ich die meisten Lieder noch nicht gehört hatte, ich mich also ganz ohne Vorahnung im Ersthörkontakt in die Inhalte reinhören musste, und außerdem die Titel nicht kannte. Vermutlich würde das im Bericht auf seltsame Titelbezeichnungen hinauslaufen, die ich irgendwie aus den Refrains schlussfolgerte und aus denen im besten Falle später die Originaltitel zu erkennen waren. Spannend.
Im Gloria war es knackevoll. Als das Saallicht erlosch, blieb ein blauer Lichtkegel auf der Bühne stehen, in dem die vier Maybebops erschienen. Es gab sofort viel Applaus. Sehr viel Applaus. Sie mussten eine Weile unbewegt abwarten, ehe sie mit dem Singen beginnen konnten. Das war dann leiser als gewohnt, weil sie es ohne Mikrofonverstärkung machten, aber trotzdem waren sie klar und gut zu hören. Sehr ruhig sangen sie vom Wunsch nach „langsameren Zeiten“ und vom „Innehalten“, und „dass die leisen Töne nicht untergehen„. Es passte gut, dass sie mit ihrem unverstärkten A-cappella-Singen die lautstarke, jubelnde Stimmung des Begrüßungsapplauses gleich wieder ausgebremst hatten und zeigten, wie schön es zurückgenommen sein konnte. Die Töne klangen leise durch den Raum und brachten ein intensives, beeindruckendes Hörerlebnis. Das leise Rauschen der Lüftung war im Klang als sanfter Oberton dabei.

Im Verlauf des Liedes griffen sie dann doch zu den Mikrofonen, blieben aber weiterhin beim Singen ruhig und entspannt. Ein Lied zum Hineingleiten. Mir gefiel das sehr. Den letzten Satz begannen sie zunächst mit Verstärkung: „Ich wünsche mir etwas langsamerer Zeiten, damit bei uns die leisen Töne…“, ließen dann die Mikros singen und sangen leise und sanft: „… nicht untergehen.“ Es gab viel Applaus für diesen schönen Beginn.
Sofort ging es mit lässigen Rhythmen weiter. Jan begrüßte während der ersten Takte: „Einen wunderschönen Abend, Köln! Herzlich willkommen zu unserem neuen Programm!“, und sah dabei gar nicht anders aus als sonst. Keine Blumen im Haar, kein Tellerchen in der Hand mit einem Stück Kuchen und einer brennenden Kerze darauf, kein Geschenk unter dem Arm. Dabei hatte er doch Geburtstag.

Im Lied ging es um „Schwarzes Gold„, das sich, ohne das es zunächst genauer bezeichnet wurde, schnell als Kaffee herausstellte. „Andere interessieren mich nicht die Bohne, denn ich kann nicht mehr ohne.“ Musikalisch hatte es in den Übergängen ein bisschen spannenden James Bond drin, ansonsten war es südamerikanisch. Keine schnelle, heiße Salsa, alles eher lässig und gechillt, aber laszives Hüftschwenken gab es trotzdem. Thematisch, musikalisch und inhaltlich verpackt erinnerte es mich an „Meine heiße Liebe“ von den Wise Guys, was vermutlich an den südamerikanischen Rhythmen, dem A-cappella-Singen und am Kaffee lag.

Oliver freute sich danach: „Heute ist Gloria-Premiere“. Er wies auf die Bühne im Gloria: „Das ist die kleinste Bühne in Köln“, und korrigierte sich schnell: „Nach dem Senftöpfchen.“ Es stimmte, dass die Bühne im Senftöpfchen sehr deutlich kleiner war, aber sie war damit immer noch nicht die kleinste in Köln. Er fragte ins Publikum: „Wer war damals da, als wir im Senftöpfchen waren?“ Nur wenige Zuschauer meldeten sich. „Also alle“, stellte Oliver fest. „Mehr waren damals nicht da.“
Um cleverer Live-Hacks ging es im nächsten Lied. Beim Surfen im Internet gab es kein Ende, denn ständig ploppten neue Sachen auf, die Aufmerksamkeit forderten. Das löste Stress aus, denn man wollte nichts verpassen und war ständig auf Empfang. Das Publikum schien dieses Problem aus eigener Erfahrung zu kennen und lachte zwischendurch auf. Die Bereitschaft, alles auszuprobieren, und die Hektik, nichts zu verpassen, wurde auch sehr schön in der Choreografie ausgedrückt.

Von „mythischen Gefilden“ sang Christoph anschließend mit seiner tiefen Stimme. Auf den Leinwänden im Hintergrund waren ein funkensprühendes Lagerfeuer im Wald und funkelnde Sterne am Himmel zu sehen. Lukas übernahm und sang weiter von einem „Elfenland“ und Jan von „den oberen Zentauren„, die das Land lenkten. Der Bass klang wie eine Trommel, es wirkte mittelalterlich und sofort war ich in der Stimmung eines Computer-Adventures-Spieles. Auf den vier schmalen Leinwänden erschienen textlich passend Landschaften und sogar eine prächtige Burg. Ich war mir nicht sicher, ob mir das gefiel. Einerseits stellten sie sofort die passende Atmosphäre her und unterstützten den Text, andererseits waren sie mir zu viel. Zu bunt, zu grell, zu kitschig. Brauchte ich wirklich eine so kräftige Bebilderung, wenn ich alleine beim Hören schon Bilder im Kopf hatte?

Abgesehen von dem Wortspiel der „oberen Zentauren“, das mir außerordentlich gefiel, fand ich auch gut, dass der märchenhafte Text politisch und kritisch wurde. Nachdem nämlich einige Kreaturen zweifelten, ob mit dem System der Zentauren alles richtig sei, setzten diese Kontrollarmeen ein und reagierten aggressiv. Ähnlichkeiten zu aktuellen politischen Systemen in der Welt waren nicht zu übersehen. Puh! Heftig, aber sehr gut.

Es gab im Anschluss viel Applaus. Christoph grinste: „Das war spannend.“ Jan guckte ins Publikum und sagte: „Es war auch spannend, eure Gesichter zu beobachten. Erst Feen und Einhörner und dann das.“ Er stutzte, blickte auf den Bühnenboden und wunderte sich: „Wieso liegt hier Geld auf der Bühne?“ Er bückte sich, hob eine Münze auf und betrachtete sie aufmerksam. Lukas warf ein: „Gestern auch schon, da lagen zwei Cent.“ Schnell zog er die Seitentasche seiner Hose ein Stück auf und stellte sich auffordernd und fangbereit in Position. Jan zielte sorgfältig, warf die Münze – und die fiel knapp daneben und klimperte auf den Boden. Lukas bückte sich, hob sie auf und betrachtete sie. Dann steckte er sie mit gönnendem Gesichtsausdruck Oliver zu.
Dabei sein ist alles war der nächste Titel, der im Ansatz heroisch klang, aber Gelächter auslöste, als der Satz weiterging mit: „… andere als einfach.“ Hach, wieder ein Wortspiel, das mir sehr gefiel. Auch ansonsten genoß ich Gesang und Bewegungen. Ich fand es ja immer gut, wenn ich die Choreographien und das Üben dafür erkannte, aber trotzdem individuelle Bewegungen blieben und alles schien, als wäre es fast spontan und eher lässig mal eben gemacht. Da steckte viel Arbeit hinter und das Ergebnis war wirklich gut, aber dass es so locker und lächelnd rüberkam, war genau richtig und passte gut zur Gruppe.

„Wir haben ja jetzt das neue Programm“, sagte Christoph anschließend. „Aber wie wär’s, wenn wir mal was Altes spielen? In der zweiten Hälfte?“ Sofort gab es Bewegung im Publikum und aus allen Ecken wurden verschiedenste Liedtitel laut reingerufen. Oliver winkte ab: „Aber ihr müsst was dafür tun!“ Er erklärte, dass die Gruppe zukunftsorientiert testen würde, ob sie das Singen outsourcen können. Eine Maschine, der Sing-O-Meter, würde testen, ob das Publikum es mit Lautstärke beim Singen verdient hätte, sich in der zweiten Hälfte ein Lied zu wünschen. „Der Text ist Nebensache, lalala reicht“, beruhigte er noch, da wurden auf den Leinwänden schon die knallbunten Skalen einer Maschine eingeblendet. „Super trouper“ von Abba begann und die Zuschauer setzten sofort laut singend ein. Viele mit passendem Text, die anderen mit: „Super Trouper lalalala laaaa laaa….“ Ging auch. Die Skalen der Maschine bewegten sich, sie erinnerten mich an bunte Bilder von Spielautomaten und vermutlich wurde tatsächlich die Lautstärke im Saal gemessen. Wenn nicht, aber auch egal.

Die kurze Einlage brachte Stimmung, aber so ganz notwendig und unterstützend fürs Programm erschien sie mir nicht. Ich fühlte mich eher etwas aus dem Programm rausgerissen. „Bestanden“, stellte Oliver am Schluss zufrieden fest. „Und wenn nicht?“, dachte ich mir. Würden sie dann im zweiten Programmteil KEIN gewünschtes Zuschauerlied singen und stattdessen vier Minuten still herumstehen? „Ihr habt nicht laut genug gesungen, darum singen wir nicht!“ Das allerdings fände ich dann schon wieder sehr originell.
Jan wies auf das aktuelle Datum hin: „Es gibt eine gute Nachricht. Heute ist der 8. Mai. “ Für einen Moment dachte ich, er würde damit seinen Geburtstag erwähnen und wunderte mich schon, denn das würde in meiner Einschätzung gar nicht zu ihm passen, aber da fuhr er fort: „Seit 81 Jahren haben wir sie hinter uns, die Scheiße!“ Es gab Applaus, denn es war die Kapitulation der deutschen Wehrmacht gemeint, die am 8. Mai 1945 dem zweiten Weltkrieg ein Ende setzte. Dem Maybebop-Publikum traute ich zu, dass ein Großteil davon wusste, warum sie gerade applaudierten, einige überlegten aber vielleicht noch, was das mit Jans Geburtstag zu tun hatte. Gerade zu jetzigen Zeiten gab es aber leider wieder vermehrt rechte Idioten, die den Tag nicht als Befreiung Deutschlands und den Beginn der Demokratie sahen, sondern als Anlass zur Trauer, weil Deutschland nicht gesiegt hatte. Wie gut und wichtig, wenn Künstler auf der Bühne klar Stellung gegen Rechts bezogen. Prima.
Das Fontane-Gedicht um die Birnen des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck folgte als Volkslied. Als Volkslied im Stil von Maybebop, was hieß, dass es durchaus Teile hatte, die traditionell klangen, dann aber auch jazzig oder poppig wurde und vor allem sehr großartige Harmonien mit tollem vierstimmigem Gesang hatte. Oliver sang die gereimten Strophen, die ja an sich schon eine runde, rührende Geschichte waren. Auf den Leinwänden im Hintergrund spielte sich viel ab. Weiße Punkte flogen und setzten sich zu Bildern zusammen, die die Geschichte illustrierten.

Mir war das schon wieder optisch zu viel. Es waren bewegte Bilder, die ich nicht in dieser Fülle brauchte. Zum einen lenkten sie mich tatsächlich mit ihren Bewegungen und ihrem starken Kontrast vom Gesang ab, zum anderen zeigten sie unnötig das, was ich gerade schon im Text hörte. Technisch bestimmt super gemacht, das Ergebnis sah ja auch gut aus, ich empfand es trotzdem als störend. Während des Liedes ein paar sanft schwebende Punkte im Hintergrund, die sich am Ende meinetwegen zu einem Baum oder einer Birne zusammenfügten, hätte meine Aufmerksamkeit mehr aufs Singen und den Inhalt des Liedes gelenkt und mir völlig gereicht. Es kann sein, dass andere Leute das anders sehen und die Bilder klasse finden, mir war zu viel los.
„Ich bin dein Beschützer“, sang Christoph, hörte sich dabei aber gar nicht so nett an, wie ich das erwartet hatte. Unterschwellig war sofort eine aggressive Drohung zu ahnen. „Ich bin viele, ich bin jeder, der dir fehlt, ich erwarte dich an jedem deiner Ziele.“ Uah, ekelig. Das war wie ein Stalker oder jemand, der eine andere Identität vorspielte, um zum Ziel zu kommen. Jemand, der angeblich eine Beschützerrolle spielte, aber Macht ausüben wollte. Ich war fasziniert und abgestoßen. Tolles Thema. Auf den Leinwänden gab es wechselnde KI-Bilder, die die Möglichkeiten der Masken und der vielen Rollen unterstrichen. Es gab zuckersüße Bildchen der Maybebops mit Teddybären im Arm, Herzchen-Icons und eine vorgegaukelte, heile Welt. Hier gefiel mir das als Ergänzung zum Liedinhalt sehr gut. Das passte auch im bunten Design und mit den schnellen Wechseln.

Die Maybebops im Hintergrundbild als heroische Feuerwehrleute, Muskelprotze und Superhelden zu sehen, war in der gebrachten Ernsthaftigkeit schon wieder schön schräg. Das war lustig, weil es so weit weg von ihnen schien, es war aber trotzdem etwas gruselig. Mir kam der Gedanke: Was wusste ich eigentlich, was für Masken die Maybebops trugen? Die der netten A-cappella-Sänger? Wer waren sie wirklich? – Auch dass ich plötzlich solche seltsamen Gedanken hatte und mein Misstrauen geweckt wurde, war gruselig.

Am Ende des Liedes gab es sehr viel Jubel. Verdient. Ein tolles Lied. Vermutlich durch die gefakten und geschönten Bilder angeregt, schlug Oliver vor: „Ich überlege, ob wir eine Dating App launchen sollen.“ Im Publikum kam sofort freudiger Jubel auf. Jan winkte schnell ab: „UNS kann man nicht bekommen!“ Da ließ das Interesse sofort nach.
Dass es auch anders als fordernd und drohend ging, zeigte das folgende Lied. „Ruhig, mein Herz„, sang Lukas sanft mit seiner schönen, klaren Stimme. „Verbrenn dich nicht, mein Herz!“ Es war ein ganz zartes Lied und es ging um eine beginnende Verliebtheit. Sei vorsichtig, überstürze nichts, sonst könnte es noch schiefgehen, sang er. Was für ein schönes Lied. Und so bedächtig und ernsthaft. Zum Hinschmelzen. Ich mochte es sofort sehr.

Es ging gerappt weiter und Oliver regte sich auf: „Nur Wurst ist Wurst!“ Der typische Wutbürger, der mit den Änderungen in der Gesellschaft nicht klarkam. Er meckerte über vegane Wurst, Mandelmilch und Lastenfahrräder. Er war der Nachbar, den man sich nicht wünscht.


„Ich bin ein Krieger. Alles, was mir nicht passt, kämpf ich nieder“, stieß er aus. Bei der Endpose stand er mit aggressiv hochgereckter Faust auf der Bühne. Alleine, die anderen drei waren inzwischen schon abgegangen. Dass sie ihn alleine zurückließen, war ein schönes Bild, aber trotzdem war es bedrückend. Von solchen Typen, die andere Lebensweisen nicht mal akzeptierten und aggressiv reagierten, gab es gerade in der Realität zu viele. Im Gloria gab es viel Applaus. Einige der neuen Lieder waren ganz nah am aktuellen Leben und brachten das gut rüber.
*** PAUSE
Ich machte eine kurze Runde an der frischen Luft und stellte fest, dass es mir in diesem Programm im Hintergrund auf den Leinwänden zu viel grellbunte, wackelnde und oft schnell wechselnde Information gab. Im letzten Programm hatte ich noch explizit gelobt, dass die Leinwandbilder genau richtig, farblich und inhaltlich ergänzend passend und nicht zu viel waren. Diesmal störten sie mich manchmal, weil sie zu viel meiner Aufmerksamkeit ungewollt von den Hauptpersonen und dem Gesang wegnahmen. Sie waren schnelles, grelles Internet für die Augen, aber ich wollte doch feines, intensives A-cappella hören und dabei die Maybebops ansehen.
Außerdem hatte ich – obwohl ich gut zugehört hatte und mir viele Lieder musikalisch und auch inhaltlich gefallen hatten – bisher keine einzige Refrainmelodie im Ohr, die ich jetzt sofort hätte summen können. Die Inhalte der Lieder waren noch klar, aber kein Melodiebogen hatte sich ins Hirn gebrannt. Dass die Maybebops großartig sangen und alleine das schon ein Genuss war, stand außer Frage. Musste es überhaupt hin und wieder eingängige Refrains geben oder war das meine persönliche Vorliebe? Stand man da als Musiker zwischen hohem musikalischem Anspruch und plattem Ohrwurm? Oder musste ich einige Lieder erst mehrfach hören, um sie dann auch summen zu können?
*** PAUSE VORBEI
Der zweite Teil begann von Seiten des Publikums mit „Aaah!“ und „Oooh!“, denn die Hauptdarsteller hatten sich umgezogen und kamen nun in Anzügen zurück auf die Bühne. Das waren keine glatten Businessanzüge, sondern lässige Versionen, die im Stil an einen Sonntagsausflug aufs Land um 1930 erinnerten. Die Kappe von Jonas und der kleine Hut von Christoph unterstützten das Vintage-Outfit. Mir gefiel das sehr. So gekleidet passten sie perfekt zum ersten Lied, das im Stil der Comedian Harmonists gehalten war, heute vermutlich besser beschrieben als: im Stil von Max Raabe. „Ich dreh mich um, ich hole Schwung“, sang Oliver – ach, was für eine allerliebste Zeilenkombination! – und sang weiter: „… und mache mich schleunigst aus dem Staub.“ „Probleme schwinden, wenn man sie auszublenden weiß“, riet er. Im Zwischenteil gab es Schnalzen, Basstöne und Pfeifen, was kurz, aber sehr schön war. Die Sprachwahl war perfekt und ich konnte mir das Lied zum Kaufen als Schelllackplatte am Merchandisestand vorstellen. Sehr schön, lustig und stilvoll gebracht.

Jan hatte immer noch Geburtstag und bisher war das unerwähnt geblieben. Als es jetzt in einer Moderation kurz angesprochen wurde, schien es, als hätten einige Zuschauerinnen nur darauf gewartet, Blumen auf die Bühne zu werfen. Auf leicht gekrümmter Flugbahn landeten sie vor Jans Füßen. Vier Stück. Und leider begannen sofort einige Zuschauer „Happy birthday“ zu singen. Und das gar nicht mal so gut. Und weil sie es sangen, starten andere auch damit, nur später. Zeitversetzt und in mehrfachen, nicht miteinander verwandten Ton- und Brummarten waberten zwei „Happy birthday“-Gesänge durch den Saal. Jan blieb professionell und rief scheinbar freudig in den Lärm: „Es ist ein Kanon!“ Zum Glück waren die beiden Vierzeiler schnell vorbei – der eine früher, der andere später. Jan erzählte lächelnd, dass seine Frau vorher gefragt hätte: „Und, singt das Publikum für dich?“, und er geantwortet hätte: „Ich fürchte, ja.“

Dann wurde es auf der Bühne seltsam. Vielleicht als Reaktion auf das musikalisch fragwürdige und die Ohren verwirrende Ständchen, eher aber, weil es schon vorher so im Programmablauf stand. Einer der Sänger stieß kurz ein seltsames Vogelgeschrei aus: „Arrgh, arrgh!“ Dann ein anderer auch, dann noch einer, dazu flatterte einer von ihnen kurz mit den Armen, als ob sie Flügel wären. Dann kreischte einer auf, flatterte ebenfalls und machte ein paar Hüpfer auf der Bühne. Verrückt geworden? Nein, es entwickelte sich zu dem Lied „Es flog ein Vogel nach Hawaii“. Es ging im Text um ein Ei, um einen Strauß und eine Nachtigall, und auf der Bühne gab es viel Gerenne und viel Bewegung. Ich hörte und guckte fasziniert zu. War dieser Text das Ergebnis einer langen Partynacht und war mit guter Laune und nach anregenden Getränken in den frühen Morgenstunden entstanden? Der war schon lustig, aber auch ein bisschen seltsam. Aber ich mochte seltsam ja deutlich lieber als jede Form von langweilig, von daher blieb ich grinsend dabei.

Lukas klärte danach auf: „Das ist ein altes Lied“, und Christoph betonte: „Es ist nicht vom Kinderalbum.“ Es war das Vogellied von 2011 und es wurde auch „Straußigallenlied“ genannt. Der Titel passte perfekt zum schrägen Lied.
Die Gelegenheit zum Singen auf der Bühne war für eine Zuschauerin, die sich dafür vorher angemeldet hatte, gekommen. Jan bat sie auf die Bühne und stellte sie als „ältere Bekannte“ vor, was Lukas sogleich energisch in „längere!“ verbesserte. Besonders lang war sie dann aber auch nicht, aber vermutlich „langjährig bekannt“. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren nämlich, und es war Conni, die beruflich Musikredakteurin war und die Band seit ihren Anfängen kannte. Sie wollte Spain singen, ein, wie Oliver es nannte, „Jazzbrocken“. Vor so einem Auftritt wurde nicht zusammen geprobt, und auf die Frage, welche Stimme sie übernehmen wollte, antwortete sie lachend: „Ich springe durch alle Stimmen. Bis auf die von Christoph. Das ist spannend.“ Oliver sagte ruhig: „Wir haben geprobt. Es war nicht mehr so gut.“ Es schien noch spannender zu werden. Und dann legte Conni los, hatte eine schöne Stimme, sang sehr gut, war souverän und das Ergebnis war sehr klasse. Es hörte nur nicht auf. Immer wenn ich dachte, der Schlussakkord sei erreicht, startete erneut der Refrain. Ich war mir nicht sicher, ob das auch im Original so war, oder ob die fünf auf der Bühne eine Weile in einer Schleife gefangen waren. Weil es aber so gut gesungen war, machte das nichts. Zum Abschluss gab es großen Jubel vom Publikum und anerkennendes Grinsen von den Maybebops. Conni kehrte auf ihren Platz zurück und Jan zeigte sich beeindruckt: „Es gibt vorher nur eine Mail und keine Probe. Sie kommt hierher und liefert dann dermaßen ab!“
In Berlin hatte es gerade eine GEMA-Mitgliederversammlung gegeben, bei der es im Rahmenprogramm auch Informationsveranstaltungen gab. Lukas berichtete von rechtlichen Grundlagen und GEMA-Vorschriften: „Der Künstler bietet ein Konzert an und verkauft Karten. Das Publikum kauft die Karten und kommt. Der Künstler muss daraufhin das Konzert geben. Laut GEMA hat er nach 60 Minuten Konzert seine Pflicht erfüllt.“ Die 60 Minuten des Maybebopkonzertes waren gemacht, dementsprechend hatten die Maybebops ihre Konzertpflicht erfüllt. Sie gingen aber nicht ab, sondern nahmen das als Anlass, das Publikum stattdessen aktiv einzusetzen. Der Sing-O-Meter wurde wieder aktiviert. Leider mit „Live is life“. Oh, das Lied mochte ich so gar nicht. Schon immer. Das war aber mein persönliches Problem, denn die meisten Zuschauer fanden es anscheinend gut und sangen laut mit: „Live is life, nanaaaa na na naaaaa …“ Den Einsatz des Sing-o-Meters fand ich weiterhin fraglich. Er machte kurzfristig gute Laune, aber es war doch gar nicht notwendig, auf diese Art Stimmung zu erzeugen. Ich hatte gar nichts dagegen, bei Konzerten Melodien nachzusingen und mich zwischendurch aktiv zu beteiligen. Aber ich brauchte dazu nicht ABBA oder Live is life, ich hätte lieber etwas, das mit Maybebop zu tun hatte.

Zu meiner Freude ging es schnell mit dem Programm weiter. Sehr rhythmisch und in hohem Singtempo ging es um einen Lattenzaun. Jan rappte einen zungenbrecherischen Text mit „Ich hab nicht mehr alle Latten am Zaun“ und „Lattenzauntraum“, und ich dachte an die „Rhabarberbarbara“, die seit einiger Zeit so erfolgreich von Bodo Wartke gerappt wurde. Es passte alles sehr gut und gipfelte in eine Lattenzaun-Choreo mit Leuchtstäben in Zaunlattenform. Cool. Mitgerissen brach das Publikum in Jubel und Applaus aus.


Jan berichtete danach: „Wir haben das Lied jetzt acht Mal aufgeführt und ich habe es zwei Mal ohne Fehler geschafft. Heute war es das zweite Mal.“ Darüber brach das Publikum schon wieder Jubel aus, und er erklärte lächelnd: „Das habe ich mir selber zum Geburtstag geschenkt.“ Zum Glück ging nicht schon wieder ein Geburtstagsständchen los.

Lukas sang die Leadstimme in Wenn ich ein Alien wäre. Er sang schön und sanft von seinem Besuch auf der Erde als Alien. Das mochte ich. Aber schon wieder war mir auf der Leinwand zu viel los. Wieder wurde bebildert und wieder war es grell und unruhig. Dabei fand ich den Stil der Bilder gut, das war ja süß gemacht, mir im Hintergrund aber zu viel. Der letzte Satz des Liedes „Für mich wär’n die Aliens ja wir“ fand ich wunderschön und unerwartet berührend.

„Leute, wir haben viele Lieder gesungen, die euch Spaß machen. Da nächste Lied schreibt ihr“, sagte Lukas, und sofort erschallten wieder laut reingerufene Liedwünsche. Das hatten einige Zuschauer wohl falsch verstanden. Es ging um Begriffe für das Impro-Lied, und als das erklärt wurde, kamen die dann auch. „Müngersdorfer Stadion“ war einer davon, der frühere Name für das Kölner Stadion, das schon lange zum RheinEnergieStadion umgenannt worden war. Kölnern kam das „Müngersdorfer Stadion“ aber immer noch vertraut und flüssig über die Lippen. Oliver, der die Begriffe sammelte, fragte: „Wie heißt das? Müngendörfer Stadion?“ „Müng-ers-dorfer!“ kamen korrigierende Rufe aus dem Publikum. „Müngendörfer?“, fragte Oli verwirrt. Jan sagte ihm langsam und deutlich vor: „Müng-ers-dor-fer Stadion“, und erklärte: „Da habe ich Robert Williams gesehen“. Er lachte: „Das ist hundert Jahre her“, während ich noch überlegte: Williams wer? Robert? Häh? Dann fiel auch bei mir der Groschen. Robbie Williams.
Es kamen „Müngersorfer Stadion, Spülmaschine, Windräder, Hausmeister, Bleistift und Altenpflege“ zusammen, die Musikrichtung sollte Metal sein. Es ging heftig los, die Bühnenlichter flackerten, Bässe wummerten und Oli röhrte mit tiefer, knarzig grölender Stimme ein Lied vom Stadion, das zum Altenheim wird, in dem er der Hausmeister ist.

Er setzte sich voll ein, und mir wird es ja für immer ein Rätsel bleiben, wie er aus dem Nichts eine Geschichte mit mehreren nicht zueinander passenden Begriffen singen kann, die relativ schlüssig ist, die ins Musikschema passt und die sich am Ende der Zeilen auch noch reimt. Und vor allem, wie er die gesammelten Begriffe während des Singens und Reimens im Kopf behalten kann, von denen ich mindestens drei schon bei Beginn des Liedes nicht mehr nennen könnte. Und dann sang er den Begriff „Müngersdorfer Stadion“ auch noch völlig korrekt. Großartig.

Völlig zu Recht gab es anschließend großen Jubel und viel lauten Applaus. Im Dunkeln stellten sich die Maybebops gleich wieder auf und der Erlkönig begann. Das war spannend und beeindruckend. Lukas als Erlkönig mit seiner wechselnd schmeichelnden, dann wieder harten Stimme, Christoph als bassiger Vater und Jan als ängstlicher Sohn. An diesem Abend war Jan allerdings etwas zu leise abgemischt. Seine sonst gellende, Gänsehaut auslösende Verzweiflung blieb etwas gedämpft. Trotzdem großartig. Im Applaus überlegte ich, ob das das in der ersten Hälfte vor dem Sing-o-Meter ersungene Wunschlied für die zweite Hälfte war. Und wonach war es ausgesucht worden?

Mit lauten, kraftvollen Rufen, die wie aus alter Zeit klangen, ging es im nächsten Lied los. So rief man früher von Berg zu Berg kurze Informationen, das hatte ich sofort im Kopf. Bilder auf der Leinwand zeigten hohe Berge am Meer, anscheinend Norwegen, und Christoph sang von der „Hütte am Fjord“. Er sang bassig, baritonig und manchmal fast tenorig. Unglaublich. Musikalisch war es kraftvoll und urwüchsig und wie ein altes norwegisches Volkslied. Intensiv und kraftvoll war auch die Choreographie, die wie ein ernsthafter Volkstanz wirkte. Im Text ging es inhaltlich um Ruhe und um das Ankommen bei sich selbst. Musikalisch gefiel mir das sehr, gerade die urwüchsigen Töne und Rufe waren überzeugend und beeindruckend und auch die Bewegungen mochte ich sofort. Die fast realistischen, bunten Bilder im Hintergrund waren mir allerdings schon wieder etwas zu viel. Ich musste immer wieder hingucken und ärgerte mich selber darüber. Die singenden Maybebops wirkten davor oft unauffällig. Und der Text war mir zu simpel. Den hätte ich lieber komplett in Norwegisch gehabt, dann hätte ich nicht an einen Schlagertext denken müssen und mich hätte – wegen meines Unvermögens, norwegisch zu verstehen – nichts daran gestört. Trotzdem war das Lied beeindruckend.

Es gab danach Standing Ovation und laute Rufe nach Zugabe. Verdient. Dass mir die Bilder zu viel und der Strophentext zu einfach waren, war zu vernachlässigen. Vielleicht war ich da empfindlich und die anderen Zuschauenden fanden es toll. Die Maybebops freuten sich jedenfalls über den großen Applaus. Und ich klatschte und jubelte mit.

Dann startete schon wieder den Sing-O-Meter. Das Publikum stand sowieso noch von den gerade erfolgten Standing Ovation, blieb gleich stehen und sang laut mit. Viele erstmal, das Lied nur schwach erahnend, mit ungefährem „Lalala“, dann war im Refrain plötzlich „Sweet dreams“ zu erkennen und es wurde textlich korrekt weitergesungen. Oder zumindest: „Sweat dreams … dadada da daaaa …“

Es ging sofort weiter mit dem „Medley 1984“. Das war großartig. Unglaubliche viele Hits des Jahres in kurzen Stücken aneinandergereiht und klasse gebracht. Das gab dicke Partystimmung mit lautem, fröhlichen, hemmungslosen Mitgesinge im Gloriakino. Der Unterschied zum Sing-o-Meter war, dass die Maybebops die „Fremdhits“ den Originalen sehr ähnlich, aber trotzdem in ihrem eigenen Stil sangen und mit den passenden und oft witzigen Choreographien aufpeppten. Das war viel persönlicher und blieb Maybebop. Da hatte ich großen Spaß.

Danach gab es donnernden Applaus und weiterhin Standing Ovation, weil sowieso alle wieder standen und sich niemand sofort hinsetzen wollte. Es wurde geklatscht und gejubelt und gepfiffen. Lautstarke Begeisterung, bis Jan irgendwann sagte: „Also ein bisschen was wollen wir noch singen. Jetzt beruhigt euch doch nochmal!“ Da wurde es sehr schnell ruhig und nur das Rascheln und Knarren des sofortigen Hinsetzens war zu hören.

Vor dem Singen gab es aber noch einen kurzen Merchandise-Block. Oliver stellte das Tourshirt für 2026 vor, das es nur nach Konzerten am Artikelstand gab und nicht bestellt werden konnte. Es war schwarz und auf dem Rücken standen alle Auftrittstermine des Jahres 2026 in weißer Schrift. Oliver sagte: „Wenn man alle abstreicht, …“ und Jan warf ein: “ … hat man ein schwarzes T-Shirt“. Das gab Gelächter.
Als „Lied für Demokratie“, wie es extra angesagt wurde, kam Laut sein! Das war nicht nur inhaltlich sehr gut, sondern auch musikalisch eingängig. Da hatte ich meinen Ohrwurm! Genau so etwas meinte ich, eine Melodiezeile, die mir danach immer wieder im Kopf herumsummte. Und hier gab es Akkordfolgen, die mein Hirn schon nur beim Denken an die Worte „Laut sein“ abrufen konnte.

Wieder gab es Jubel, Applaus und Standing Ovation.

Jan erklärte, dass er beim letzten Konzert in Köln-Porz Eierlikör versprochen hatte und den würde es nach dem heutigen Konzert am Artikelstand geben. „Im Waffelbecher! Aber nur, solange der Vorrat reicht“. Christoph fügte hinzu: „Ich habe den Edeka leergekauft“, was beruhigend erschien, sofern man davon ausging, dass das Eierlikörregal vorher gut gefüllt war und er nicht nur die letzte Flasche bekommen hatte.
Den musikalischen Abschluss machte ein Schlaflied vom Kinderalbum. Die vier Maybebops setzen sich auf den Bühnenrand und sangen vom Schäfchen, das nicht schlafen kann und die zehn Schafe seiner Herde durchzählt. Sehr süß.

Erstaunlicherweise zog mich das Lied so mit, dass ich mich komplett entspannte und lächelnd hätte einschlafen können. Dabei war ich doch eigentlich ganz wach. Aber irgendwas war drin, das meinen Organismus sanft runterfuhr. Hach, das war ein zarter und schöner Schluss des Konzertes. Ganz ohne Bilder im Hintergrund. Leise Töne und leise Farben.

Die Stimmung bei den aus dem Gloria strömenden Leuten, von denen ein Teil dem Ausgang zustrebte und der andere den Maybebops und dem Eierlikör, war lächelnd und sehr gut. Das neue Programm war inhaltlich und musikalisch sehr abwechslungsreich, behielt dabei durchgehend die Handschrift von Maybebop und der Gesang war – wie immer – klasse. Gibt es eigentlich Stilrichtungen oder Akkorde, die sie nicht singen können? Für mich könnte es vielleicht ein paar mehr eingängige Refrains und ganz sicher deutlich weniger grelle, schnelle Hintergrundbilder geben. Das sehen andere womöglich anders. Ein Konzertbesuch lohnt sich aber immer.
Ich wünsche, dass die leisen Töne nicht untergehen
Schwarzes Gold
Live-Hacks
Die oberen Zentauren
Dabei sein ist alles
Herr von Ribbeck auf Ribbeck
Ich bin viele
Ruhig, mein Herz
Wurst ist Wurst
Ich dreh mich um
Vogellied
Spain
Lattenzaun
Wenn ich ein Alien wäre
Erlkönig
Die Hütte am Fjord
Medley 1984
Laut sein
Zehn Schafe