Kabarettistischer Jahresrückblick 2025 – 07.01.2026 – Berlin
Horst Evers, Manfred Maurenbrecher, Bov Bjerg, Hannes Heesch, Christoph Jungmann
Berlin-Reinickendorf, Ernst-Reuter-Saal
Seit 1997 gab es den jährlichen Kabarettistischen Jahresrückblick, und 2004, also vor etwa zwanzig Jahren, habe ich ihn schon einmal besucht. Damals fanden die Vorstellungen in Berlin-Kreuzberg im Mehringhof-Theater statt. Zwischen diversen Gängen und Nebentüren ging es – gefühlt in einer Hausbesetzerszenerie – in einen Theaterraum, der sich ein bisschen nach Untergrund anfühlte. Mir gefiel es dort sehr.
Inzwischen war der Jahresrückblick in die Komödie am Kurfüstendamm umgezogen. Da die Komödie aber schon sehr lange im Baumodus war, gab es in diesem Jahr den Ernst-Reuter-Saal in Reinickendorf als Ausweichbühne. Der gefiel mir auch, weil er im Sechziger-Jahre Stil gebaut und in der Zeit eingefroren war. Auch ein Großteil des Publikums wirkte konserviert. Graue und weiße Haare dominierten – ich fühlte mich ein bisschen wie mitten in einem 60+ Abo-Publikum. Mit Blick auf den gepflegten Theatersaal und das gepflegte Publikum um mich herum dachte ich ein bisschen wehmütig: „Der Jahresrückblick ist seit meinem letzten Besuch erwachsen geworden.“ Dabei verdrängte ich gekonnt, dass ich seitdem ebenfalls zwanzig Jahre älter und mein Haar deutlich heller als blond geworden war.

Seit 28 Jahren lasen, sangen, kommentierten und parodierten Horst Evers, Manfred Maurenbrecher, Bov Bjerg, Christoph Jungmann und Hannes Heesch jährlich den Rückblick auf das vergangene Jahr, mit Schwerpunkten bei der Politik und Berlin. Viele treue Zuschauer kamen jährlich zur Vorstellung. In dieser Saison war es aber das letzte Mal, dass die vertraute Truppe auf der Bühne stehen würde. Horst Evers und Manfred Maurenbrecher hörten danach auf, um Zeit für andere Sachen zu haben.
Mit einem Lied begann das Programm, und das kommentierte sofort die aktuelle politische Situation: „Es geht zurück, Schritt für Schritt“. Manfred Maurenbrecher sang mit seiner rauen, aber doch ganz weichen Stimme treffend formulierten Sprechgesang und haute dabei etwas gewaltsam auf die Klaviertasten. So war er, und das mochte ich total gerne. Die anderen sangen im Background, und ich mochte ebenfalls, dass sie keine perfekten Sänger waren, sondern sich tapfer durch Nebenstimmen und Solostellen kämpften. Da war wieder der alternative Ursprung zu erkennen, das war Kabarett. Würde ich perfekte fünfstimmige Sätze hören wollen, ginge ich woanders hin.

Christoph Jungmann, der viele Jahre die Frau-Merkel-Moderatorin des Abends war, stürmte diesmal als Heidi Reichinnek, die Vorsitzende von „Die Linke“, auf die Bühne. „Ach, du Scheiße!“, rutschte es meiner Sitznachbarin bei ihrem Anblick raus, gefolgt von einem erfreuten: „Wunderbar!“ Die echte Heidi Reichinnek fiel durch ihr schnelles Sprechtempo auf, und auch die Doppelgänger-Reichinnek sprach in doppeltem Tempo. Fast atemlos preschte sie durch die Moderationen und mit dem Kleid, den langen Haaren und sogar den gefakten Tatoos auf den Armen war sie so selbstverständlich Heidi Reichinnek, dass ich es fast glauben konnte.

Sie sagte Horst Evers an und zog sich an den Bühnenrand zurück, wo sie sich in einen Sessel fallen ließ, burschikos ein Bein über die Lehne legte und aufmerksam das Geschehen auf der Bühne verfolgte. Horst Evers machte eine etwas längere Vorrede als Erklärung für seine folgende Geschichte und endete mit: „Ich fang jetzt an.“ „Hau rein, Dicker!“, rief Heidi von der Seite, und Horst lachte überrascht auf. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Dicker genannt wurde“, sagte er amüsiert.
Dann begann er mit: „So viel Meinung gab’s noch nie. Immer noch eine Meinung dazu. Auch aus Übersee.“ Das Publikum dachte sofort ganz richtig an Trump, der sich aktuell ohne Kenntnisse von irgendwas in alles einmischte, und lachte auf. Horst setzte fort: „Und das war nicht immer eine Premium-Meinung“, woraufhin lauter und sehr zustimmend gelacht wurde. Das große Problem sah Horst allerdings darin, dass seine eigene gute und richtige Meinung von den Anderen oft nicht anerkannt würde. Auch zum möglichen Verbot der AfD gab es verschiedene Meinungen. Anstelle eines Verbotes könne man ihr die Themen wegnehmen, überlegte er. Das hätte die AfD damals mit der Pegida gemacht, indem sie noch weiter rechts war und deren Wähler mitnehmen konnte. Wenn jetzt eine neue Partei noch weiter rechts als die AfD wäre … Das Publikum lachte zwar, es hörte sich aber etwas verklemmt an. Das war zu nah an der Realität. Es gab aber freudiges Gekicher, als Horst Evers die nächste Geschichte begann mit: „Es klingelt. Vor mir stehen zwei junge Frauen in meinem Alter.“ Er grinste selber darüber. Kurz erzählte er noch über den Harald-Juhnke-Platz, der 2025 in Berlin eingeweiht worden war, allerdings eher karg, klein und langweilig war. Da würde er bei einem möglichen Horst-Evers-Platz eine öffentliche Toilette besser finden. Ein öffentliches Gedenkklo, denn da ginge man froher weg als man hinkäme.
Heidi Reichinnek redete wieder sehr schnell bei der nächsten Moderation – ich bewunderte, dass Christoph Jungmann in diesem Tempo ohne Stolperer und sehr souverän durch die Sätze kam -, dann erschien Jogi Löw, sonst Bov Bjerg. Jogi Löw war an der Frisur zu erkennen, am leicht schwäbelnden Akzent und an einer großen Ruhe, die ein gewaltiger Gegensatz zum Reichinnek-Tornado war. In der erwartungsvollen Stille des Zuschauerraumes schob er erstmal den Stuhl langsam zurecht. Die Stuhlbeine kratzten über den Boden. Spannung aufbauen mit Nichtssagen. Das alleine war schon lustig. Die Zuschauer lachten leise und vorfreudig gespannt. Nachdem er sich gesetzt hatte, erklärte Herr Löw in bedächtigem Tonfall, dass er vom FIFA-Präsidenten Gianni Infantino geschickt worden war, um Trump – die nächste Fußball-WM fand in Amerika statt – das Abseits zu erklären. Herr Löw erklärte, dass Donald Trump inzwischen die Zahl der mitmachenden Länder gewaltig erhöht hätte, so dass nun auch Nationen antraten, die mit Leistungsfußball wenig zu tun hatten. „Mauritius ist dabei“, zählte Herr Löw auf und kommentierte ruhig: “ Die sind sonst sehr auf Briefmarken spezialisiert.“ Außerdem wolle Trump beim Endspiel Schiedsrichter sein.
Erstaunlicherweise war aus Heidi Reichinnek inzwischen eine ebenso überzeugende Franziska Giffey geworden. Die war aktuell Senatorin und Bürgermeisterin unter dem regierenden Bürgermeister Kai Wegener und passte somit sehr gut in einen Berliner Jahresrückblick.

Manfred Maurenbrecher erzählte in einer gesungenen Geschichte, wie er sich einfach mal zu einer Schlange von anstehenden Menschen dazugestellt und sich damit für eine überteuerte Wohnung beworben hatte. Er ist ein so wunderbarer Geschichtenerzähler, bei dem ich sofort Bilder im Kopf habe und voll mitgenommen werde.

Auch der regierende Bürgermeister Kai Wegener, sonst Hannes Heesch, kam auf die Bühne. Meine Sitznachbarin zog die Luft ein und sagte: „Oi oi oi!“ Als Nicht-Berlinerin war ich nicht drin im Thema, aber so wie der Bürgermeister dargestellt wurde, verbreitete er wohl Optimismus, ohne dass der begründet war. Genau in den vorherigen Tagen hatte es in einigen Stadtteilen nach einem Anschlag einen kompletten Stromausfall gegeben. Es war kalt und zum Teil hatten die Bewohner vier Tage ohne Strom und dementsprechend ohne Licht und Heizung verbringen müssen. Bürgermeister Kai Wegener versprach die „Flüchtlinge aus Zehlendorf“ unterzubringen und sagte nachdrücklich und betont gut gelaunt: „Es war ein gutes Jahr für Berlin!“ Die Berliner um mich herum lachten vergnügt. Vielleicht auch verzweifelt, das konnte ich nicht eindeutig erkennen.
Horst Evers erklärte, dass sich Berlin unter Kai Wegener für die Austragung der Olympischen Spiele bewerbe und Franziska Giffey Vorsitzende des Olympiakomitees „Team Kompetenzzentrum“ sei. Die meisten Berliner würden sich darüber „eher nach innen freuen“. Das erheiterte das Publikum freute sich über diese Erklärung gut hörbar. Auf das Rosenstolzlied „Das muss Liebe sein“ – die Sängerin von Rosenstolz, Anna R., war im Jahr 2025 verstorben – sang die Gruppe eine „Olympia-Bewerbungshymne“. Horst Evers hatte eine erstaunlich schöne, volltönende Singstimme. Insgesamt war es beim Singen der Gruppe manchmal etwas holperig, aber alle zogen ungehemmt durch und das mochte ich bei diesem Programm ja.

Hannes Heesch kam als verblüffend ähnliche Julia Klöckner. Sie zählte ellenlang auf, wie erfolgreich sie schon in der Schule, dann als Messdienerin und hier und da und dort gewesen sei, lächelte dabei strahlend und war arrogant selbstbewusst. Seit dem vergangenen Jahr war die Präsidentin des Deutschen Bundestages, und sie erklärte genüsslich, dass die erste Position im Staat die des Bundespräsidenten sei, die zweite die der Bundestagspräsidentin und erst an dritter Stelle der Bundeskanzler kam. Gut gelaunt stellte sie kompromisslos klar: „Friedrich, du bist der Dritt-Wichtigste!“

Sie betonte die Werte von Ordnung und Anstand und erläuterte, wie sie täglich an der Tür des Bundestages stand und nachsah, ob die Abgeordneten die Hände sauber gewaschen und ein Frühstück zu sich genommen hatten. Eine übergriffige Super-Mutti. Sie betonte, dass sie darauf achtete, dass es für jeden eine Frühstücksmilch gab. „Milchpäckchen für CDU und SPD, Hafermilch für die Grünen und Müllermilch für die AfD.“ Dann parodierte sie „Fritze Merz“. Kanzler März parodiert von Julia Klöckner – das hatte was, war schräg und sehr witzig.
Bov Bjerg las eine Science Fiction Geschichte, erklärte vorher aber: „Es ist eine meiner ersten Science Fiction Geschichten, da kann man nicht so weit in die Zukunft schweifen. Sommer 2026.“ Es ging um Kameras und Künstliche Intelligenz. Bei einer Kamerabeobachtung und KI-Bewertungen zu Haien im Wannsee wäre das Ergebnis, wenn mittags 5000 Besucher am Strandbad gezählt wurden, am Abend dann nur noch 500, dass 4500 Besucher gefressen worden wären.
Zur Melodie von „Killing me softly“, ursprünglich gesungen von Roberta Flack, die ebenfalls im Jahr 2025 gestorben war, sang Frau Reichinnek das Lied „Heidi, sprich bitte langsam!“ Zunächst sang sie eher langsam, gegen Ende gelangte sie in immer schnelleres Reichinnek-Tempo.

Horst Evers trug inzwischen ein weißes Hemd. Das war für mich mal ganz neu. Ich kannte ihn seit vielen Jahren immer nur in Rot. Weiß ging aber auch.

Er las von Tagen, die er alleine beim Wellnessen verbracht hatte. Stolz stellte er fest: „Ich habe Talent als Wellnesser. Sachte wegdösen ist mir mittlerweile Erlebnisurlaub genug. Im Alltag ist das ja eher schwierig.“ Das Publikum schien eigene Erfahrung mit Schlafstörungen und Wegdösen zu haben und lachte immer wieder auf.
Es waren noch einige Musiker mehr im gerade vergangenen Jahr gestorben, und ich fand es gut, dass deren Lieder für ein Medley genommen wurden. Den Text dazu hatte Horst Evers geschrieben und es ging unter anderem über frühere Politiker und was sie heute machen. Sehr witzig der gesungene Kommentar zu Christian Lindner: „Selbst der allerkleinste Smart hat mehr Sitze als die FDP im Bundestag.“ Mehrstimmig im Stil der Beach Boys sangen sie zur Melodie von „Barbar‘ Ann“ über die vielen Umleitungen, die es in Berlin wegen kaputter Brücken gab. „Rum rum rum – die Um-leit-ung. Drum rum rum um die Um-leit-ung.“ Gar nicht mal so einfach und sehr gut gemacht.

Und dann kam doch noch Frau Merkel auf die Bühne. Die Haare waren etwas wirr, aber sie war ja auch nicht mehr im Dienst. Sie erklärte, dass zwei der Herren nach 28 Jahren aufhören würden. Obwohl das schon offiziell im Internet stand, schienen einige Zuschauer doch überrascht. Es würde weitergehen, beim Jahresrückblick 2026 aber mit zwei neuen Frauen im Ensemble.

Manfred Maurenbrecher setzte sich ans Klavier und sagte: „Frau Merkel sagte: Wir wollen Platz schaffen für was anderes. In meinem Alter heißt das: Platz schaffen für mal gar nichts tun.“ Passend sang er „MoDiMi“, ein Text über die Lebens-Arbeitszeit-Balance und die auf Montag, Dienstag, Mittwoch beschränkten Arbeitstage.
Am Ende ging es um die Deutsche Bahn – das war ja in jedem Jahr ein Thema des Jahres. Horst Evers rappte in Bahnuniform: „Nichts ist OK im ICE, wenn ich steh, steh, steh.“

Es gab sogar eine wilde Tanzeinlage, das Publikum reagierte freudig.

Mir viel Applaus wurde das abwechslungsreiche, pointierte und treffende Programm am Ende verabschiedet. Und auch wenn der Ernst-Reuter-Saal gediegen und seriös wirkte, waren die fünf Leute auf der Bühne immer noch erfrischend normal, locker und unverkrampft witzig. Schon schade, dass zwei der Herren in dieser Saison zum letzten Mal dabei waren.

