Berichte

Maybebop – Schöner Schein – 20.12.2025 – Mainz

Rheingoldhalle, Mainz

Ich saß gerade auf meinem Platz, da fiel es mir ein: Bei den diesjährigen Weihnachtskonzerten sollte es wieder ein Mitsinglied geben, und ich hatte doch noch die Altstimme üben wollen, um nicht langweilig bei den Sopranen die Melodie mitsingen zu müssen. Die Maybebops hatten dafür Noten zum Üben vorbereitet, die ich mir zwei Tage vorher sogar ausgedruckt und, begleitet von der ebenfalls angebotenen Übungs-Singstimme, ein Mal vor dem Computer mitgesungen hatte.

Danach hatte ich gedacht: „Oh, gar nicht so einfach. Wenn ich die Töne sicher kriegen will, muss ich das aber nochmal üben.“ Und genau das hatte ich dann vergessen. Na, dann würde es eben doch die Melodiestimme werden.

Der Saal der Rheingoldhalle, in dem ich saß, war ziemlich groß. Dabei war es nur der zweitgrößte, denn die Rheinlandhalle war gar keine Halle, sondern ein Kongress-Zentrum mit mehreren Räumen. Im größten Saal „mit Eichenparkett und perfekter Raumakustik“ fand zeitgleich ein klassisches „Mainzer Meisterkonzert“ statt. Die Maybebops traten im „Gutenberg-Saal“ auf, „optimale Bedingungen für Tagungen, Abendveranstaltungen oder Ausstellungen.“ Der Raum war bis hinten dicht bestuhlt, aber nicht ansteigend. Einige vordere Stuhlreihen gingen bis weit an den Rand und von dort war die Bühnensicht grenzwertig, fand ich. Zum Glück hatte ich einen mittleren Platz.

1204 Zuschauer waren da, was ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, was aber Oliver später sagte und was ich jetzt vorausnehme, weil es später nicht so gut in den Text passt. Weil es kurz vor Weihnachten war, hatten sich einige Besucher*innen weihnachtlich dekoriert. Es gab leuchtende Lichterketten um den Hals, kleine Weihnachtsbaumkugeln als Ohrringe, auf Köpfen Stoff-Rentiergeweihe mit Lämpchen, außerdem Glitter, Kitsch und schlimme Weihnachtspullis in leuchtenden Farben. Zum Glück saß keines der leuchtenden Rentiergeweihe genau vor mir.

Das Saallicht ging aus und ein vielstimmiges, vorfreudiges: „Aaaaah!“ war zu hören. Applaus brandete auf. Aber dann passierte nichts weiter. Es war nur dunkel. Der Applaus versickerte. Mmh, und nun? Es blieb eine Weile dunkel, dann war plötzlich eine einzelne Stimme zu hören, die „Wir sagen euch an, den lieben Advent …“ sang. Beim Umblicken konnte ich an einer der seitlichen Saaltüren eine Person erkennen, die ein kleines Licht hielt und vermutlich der Sänger war. Er war ein ganzes Stück weit weg, von der Stimme her tippte ich auf Lukas, war mir aber nicht ganz sicher. Zur zweiten Strophe setzte eine weitere Person ein, die auf einmal mit einem kleinen Licht an einer noch entfernteren Saaltüre stand. Vermutlich war das Christoph. Das war bei ihm nicht immer einfach zu erkennen, denn er war zwar der Bass, konnte dafür aber auch ziemlich hoch singen. Die beiden Stimmen klangen durch den Saal und ließen sich Zeit. Sie setzten Pausen und waren ohne jede Hektik. Für die dritte Strophe setzte an einer weiteren Tür ein weiterer Sänger ein, ich tippte auf Oliver, danach kam in der vierten Strophe an der vierten Tür mit einem vierten Licht noch Jan dazu. Den konnte ich an seiner sehr hohen Stimme eindeutig erkennen. Sie sangen mit zwischendurch sehr interessanten Akkorden, und als ich die Augen schloss – es war ja sowieso weitgehend dunkel im Raum -, wurde das Hörerlebnis noch deutlich intensiver. Ein schöner Anfang.

Im Applaus verschwanden die Sänger durch ihre jeweiligen Türen nach draußen und eine Ansage vom Band begann. Der Weihnachtsmann persönlich äußerte sich zum Konzert, warnte vor ein paar falschen Tönen und dass sich die Zuschauer „auf Schabernack und ein gerütteltes Maß an Ironie“ einstellen sollten. Oh, ich liebte Wörter wie „Schabernack“ und „gerütteltes Maß.“ Damit war auch sicher, dass es wirklich der Weihnachtsmann war, der da sprach, denn wer sonst benutzte heute noch solche Ausdrücke? Mit tiefer, märchenhafter Stimme sprach er weiter und endete mit “ … und am Ende sind mehrere Menschen tot.“ Das war unerwartet, unpassend und sehr witzig.

Mit Schwung ging das Bühnenprogramm los, in diesem Fall sogar wörtlich zu nehmen, denn bei Schenken wurden die Hüften geschwungen. Musikalisch war es südamerikanisch und da es bei temperamentvollen Salsaklängen ebenso wenig besinnlich zuging wie beim hektischen Geschenkebesorgen, passte das sehr gut. Jan sang die Leadstimme, die Choreographie war bei allen schwungvoll und Lukas spielte ein Bongo-Solo – ohne Bongos – für das es keinen Extra-Applaus gab, weil niemand beim Klatschen den Anfang machte und es dann zu spät war. Am Ende gab es dann aber großen Applaus, der nicht nur wegen der Menge der Zuschauer groß war, sondern wegen echter Freude. Oliver freute sich danach ebenfalls: „Wir sind heute Abend ein bisschen wie kleine Kinder vor der Bescherung. Aufgeregt und etwas durchgedreht. Es ist nämlich das letzte Weihnachtskonzert der Tour und überhaupt das letzte Konzert des Jahres.“

Das Licht ging aus und nur an einer Stelle der Bühne blinkten im Dunklen plötzlich kleine Blinklichter. Einige erfahrene Zuschauer lachten sofort freudig auf und aus dem Saal waren spontane „Piep, piep“-Rufe zu hören. Die Bühnenscheinwerfer gingen wieder an und beleuchteten die Mitte der Bühne, auf der drei genervte, heilige Könige mühsam schlurfend den Weg zur Krippe suchten. Die Weise aus dem Morgenland waren unterwegs, jammerten, klagten und machten sich gegenseitig Vorwürfe.

Währenddessen hüpfte Jan als wegweisender Stern immer wieder blinkend und piepend von einer Seite der Bühne zur anderen und wedelte sogar mit den Händen, um auf sich aufmerksam zu machen. Aber die Könige waren einfach zu blöd.

Als einer der Könige den Weihrauch auspackte und plötzlich dichte Schwaden über die Bühne waberten, entspannten sich die drei nach dem Inhalieren, orientierten sich aber nicht besser. Es war eine sehr witzige Nummer und besonders der ADHS-Stern bekam viel Gelächter.

Nach dem Applaus lachte Jan: „Das kommt mir vor wie am Regionalbahnhof, wenn Christoph und Oliver weit vorne gehen und keine Ahnung vom Weg haben“. Er hob seine Hände vor den Mund und brüllte ihnen zu: „JETZT LINKS!!!“

Joy to the world war sehr amerikanisch, leicht jazzig und genau das, was ich in einem Maybebopkonzert auch gerne hören wollte.

Danach rief Lukas singend beim Kundencenter des Weihnachtsmannes an, der Ho-Ho-Hotline. Und wie das bei Kundencentern so ist, fragte eine Stimme zunächst nach dem Themenbereich, der mit einer Taste ausgewählt werden musste. Textlich ging es ungefähr so: „Sie brauchen ein Kundenkonto und haben noch keins? – Wählen Sie die … “ “ …Eins!“ setzte das Publikum auf Lukas‘ Aufforderung hin ein. „Sie haben Ihre Kundennummer nicht dabei? – „Wählen Sie die Zwei!“

Aber Lukas stoppte. „Nee, das reicht nicht!“, tadelte er und ließ die kurze Melodie mit der Nummer am Ende vom Publikum üben. „Nochmal von vorne!“, sagte er dann und sang erneut: „Sie brauchen ein Kundenkonto und haben noch keins?“ „Wählen Sie die Eins!“, sang das Publikum laut und korrekt als Antwort. Lukas nickte zufrieden und sang weiter: „Sie wollen, dass wir Sie nicht weiterhin betreu’n?“ – Moment, dachte ich noch, auf „betreu’n“ passt doch keine „Zwei“ -, aber da wurde schon laut „Wählen Sie die Zwei!“ gesungen. Lukas brach anscheinend sauer ab. „Was passt auf „betreu’n“?“, fragte er vorwurfsvoll. „Neun!“ antwortete das Publikum. Gespielt wütend befahl er: „Zur Strafe nochmal ganz von vorne!“, und es begann erneut. Jetzt passten alle sehr auf, dass sie auch wirklich immer die richtige Zahl einwarfen. Es war ein großer Spaß mit eigenem Einsatz, Mitsingen und gleichzeitigem Denken. Am Ende gab es viel Jubel und Gejohle.

„Wer kennt Weihnachtsmann und Co KG?“, fragte Oliver, und ein großer Teil des Publikums meldete sich. Bei der Gegenfrage: „Wer nicht?“ meldeten sich auch einige. Die Serie war 1997 das erste Mal gelaufen und Oliver berichtete, dass sie inzwischen als kultig galt. Vor fast dreißig Jahren hatte er die Titelmusik dafür eingesungen. „Oooh!“, staunte das Publikum, zumindest der Teil, der wusste, worum es sich handelte.

Seine Kinder hatten zunächst gar nicht gewusst, dass seine Stimme dort zu hören war, erzählte er, und nachdem sie es entdeckt hatten, fanden sie und ihre Freunde das sehr cool. Auf ihre Anregung hin hatte er das Lied bei Tiktok veröffentlicht und sofort unerwartet hohe Klickzahlen bekommen. Jan kommentierte grinsend: „Jetzt haben seine Kinder endlich einen Grund, auf ihn stolz zu sein.“ Weil es gut zu Weihnachten passte, sangen die Maybebops die Weihnachtsmann und Co KG -Titelmusik, die vermutlich auch manchen Leuten bekannt vorkam, die vorher noch gedacht hatten, sie kennen sie nicht. Erstaunlicherweise hörte sich Olivers Leadstimme nicht anders an als vor fast dreißig Jahren, auch wenn die A-cappella-Version natürlich ein Unterschied zur instrumentalen Fernseh-Version war.

Nach dem Lied fragte Oliver das Publikum: „Wer hat noch nie von Weihnachtsmann und Co KG gehört?“ Ich wunderte mich etwas, dass er die Frage, die er zu Beginn der Moderation gestellt hatte, wiederholte. Es meldeten sich einige Leute, zwei davon wurden auf die Bühne gebeten. Oh je. Jetzt war mir alles klar. Das war das Auswahlverfahren für das Bühnenquiz. Lukas und Christoph knieten sich hin, die beiden Kandidatinnen, die auf die Bühne gekommen waren, stellten sich jeweils hinter einen von ihnen und sollten auf den Buzzer = Kopf hauen, wenn sie die Antwort wussten. Oliver erklärte ihnen: „Keine Sorge, nicht ihr müsst ran, das Publikum wird sich jetzt zum Affen machen.“ Ohne Text, nur auf La-la-la sollten vom Publikum gemeinsam Weihnachtslieder vorgesungen und von den beiden Kandidatinnen erkannt werden. Das hörte sich nicht schwer an.

„Klingelingeling“ gaben Chimes-Metallstäbe vom Band einen magischen Klang und Oliver gab dem Publikum den Einsatz. – Nicht nur ich dachte: „Häh? Welches Lied denn? Er hat doch gar nichts gesagt.“ Es blieb kurz still, Oliver guckte aufmunternd und gab den Einsatz nochmal, und auf einmal entstanden überall im Saal Töne, Tonfolgen, Tonarten, die immer lauter wurden, ein völlig disharmonisches Durcheinander ergaben und aus denen sich auf einmal und überraschend schnell die auf La-la-la gesungene Melodie von „Oh, Tannenbaum“ entwickelte. Wow. Das war verblüffend. Der Buzzer wurde gehauen und quakte los, die richtige Antwort gegeben und die erste Kandidatin hatte einen Punkt.

Wieder gab es den märchenhaften Klang der Metallstäbe, Oliver gab den Einsatz und wieder sangen etwa 1000 Leute gleichzeitig verschiedene Melodien los und produzierten ein großes Tondurcheinander, aus dem, wie durch Zauberei, unerwartet schnell ein Lied entstand, auf das sich alle geeinigt hatten. Ich hätte gedacht, dass verschiedene Gruppen auf ihren Lied-Vorschlägen beharren würden und eher lauter singen als nachgeben, aber es war ein gruppendynamisches Miteinander, bei dem eigene Ideen fallengelassen und sich sofort einer Nachbarmelodie angeschlossen wurde. Beeindruckend. Wieder wurde schnell der Buzzer getätigt und die richtige Antwort gegeben. Buzzer-Lukas rieb sich danach den Kopf und klagte: „Sie hat ein bisschen arg draufgehauen“, und Buzzer-Christoph raunte ihm zu: „Bei mir das Gleiche. Die sind hier so.“ Am Ende fiel das Ergebnis 3:2 aus und beide Kandidatinnen erhielten jeweils ein Maybebop-Weihnachtsalbum. Was für ein schönes und gruppendynamisch beeindruckendes Spiel!

Mit Countryklängen ging es bei Oma wurd‘ gerammt von einem Rentier weiter. Weihnachten im Wilden Westen. Die Maybebops hatten cowboymäßig eine Hand am imaginären Gürtel und ich sah Cowboyhüte und Cowboystiefel, wo es gar keine gab. Passende Line Dance Schritte, Drehungen und beim Singen gezogene Töne passten perfekt zur Countrymusik. Das Publikum klatschte im Takt mit und hatte eine super Stimmung.

Wunderschön gab es danach Nu Tändas Tusen Juleljus, bei dem Jan den schwedischen Originaltext in der Leadstimme sang. Die anderen fügten deutsche Wörter wie in einer stichwortartigen Simultanübersetzung hinzu. „Nun gehen tausend Lichter an“, war die Übersetzung des Titels. Im Hintergrund leuchteten Sterne auf der Leinwand und alles war ruhig und ergreifend. Christoph sang die Basstöne wie einen dumpfen, dröhnenden Doppel-Herzschlag. Super schön.

Nach dem langen Applaus erklärte Jan im Tonfall wie bei der ‚Sendung mit der Maus: „Das war schwedisch.“ Anschließend erläuterte er, dass es ein altes, schwedisches Lied sei, bei dem es sich um den Aufbau des Pax-Schrankes von IKEA handelte. Darum auch der Name Jesus Christus im Text. In der Haltung eines Schrankaufbauers brüllte er anscheinend wütend und entnervt: „JESUS CHRISTUS!!!“ Viele Zuschauer schienen die Erklärung sofort nachvollziehen zu können und lachten vergnügt los.

Christoph übernahm und kündigte die gleich folgende Pause an. „Ooooooh“, machte das Publikum. Er wies auf einen QR-Code hin, der auf der Leinwand zu sehen und der Zugang zu den Noten des später folgenden Mitsingsliedes war. „Die Noten könnt ihr runterladen. Dann könnt ihr euch in der Pause in eine Ecke stellen, üben und dann dreistimmig singen.“ Lukas sagte sofort: „Ich will auch dreistimmig singen!“

Er sang aber weiterhin einstimmig, zusammen mit den Kollegen wurde es vierstimmig. God rest you merry, gentlemen begann laut und wie in Amerika von einer weihnachtlichen Singgruppe vor der Haustür gesungen. Oder wie von der Heilsarmee. Der Stil veränderte sich aber schnell. Es wurde drängender, es gab orientalische Töne und viel Energie. Lukas übernahm einen rhythmischen Bass, während Christoph vorne stand und kraftvoll die Leadstimme sang. Er wechselte von tiefen Passagen zu hohen, und meine Güte, was kann der hoch singen.

Am Ende gab es viel Applaus, die Maybebops gingen ab in die Pause und ich hatte noch eine Weile das Grummeln des Bassrhythmus im Bauch.

PAUSE. Gerade waren die, die raus wollten, alle draußen, da klingelte auch schon der erste Gong und nach und nach kamen alle wieder rein.

Auch die Maybebops kamen zurück. Während sie im ersten Teil nach dem Motto „Wir sprechen uns nicht ab, jeder zieht sich etwas Festliches an“ gekleidet waren – ein Konzept, bei dem drei festlich gekleidet waren, einer davon in vornehmen Sofastoff, und der vierte eher unfestliches Rosa trug -, waren sie im zweiten Teil durchdesignt. Sie trugen Samtanzüge, vermutlich maßgeschneidert, in unterschiedlichen Farbtönen und jeweils mit Fliege, Einstecktuch, Bauchbinde und schwarzen Lackschuhen. Mir gefielen beide Bühnenoutfits sehr gut, wobei ich die aus der ersten Hälfte noch etwas origineller fand. Gerade wegen rosa und Sofastoff.

Das Licht war blau, auf der Bühne war leichter Nebel und die ersten Töne klangen durch den Raum. Christoph sang Der alte Mann, ein Lied über den mysteriösen Besucher einer Weihnachtsfeier in der Kirche. Der wird von der Feier berührt, kennt die Mühe und den guten Willen an, auch wenn er weiß, dass nicht alles so abgelaufen ist, wie es im Krippenspiel gezeigt wird. Ziemlich sicher war im Text Gott gemeint, der als Besucher dabei war, aber ich dachte zwischendurch auch an einen gealterten Jesus. Wobei der sich nicht an die Zeit in der Krippe erinnern könnte. Also doch Gott. – Was ich mir alles für Gedanken beim Zuhören machen konnte.

Carol of the Bells war ein Rausch von Glocken und Klängen. Das waren nicht vier Stimmen, sondern ein unzählbares Geläute und frohes Klingen. Sehr super und sehr beeindruckend. „Ich habe nicht gedacht, dass ich mir das mal merken kann“, sagte Oliver danach über die vermutlich vertrackten, vollen Notensätze und wunderte sich selber, dass es inzwischen in den Tiefen des Hirns hängengeblieben war. „Ich würde es am liebsten das ganze Jahr singen“, sagte Jan und erklärte kurz, dass es als Weihnachtslied galt, ursprünglich aber ein ukrainisches Frühlingslied war. Ja, das Klingen der frischen Knospen und Blüten und der Aufbruch in einen frischen Frühling waren zu hören.

Wie oft in Maybebopkonzerten gab es auch hier die Möglichkeit, ein Lied mit der Gruppe auf der Bühne zu singen. Eine junge Dame hatte sich das gewünscht und sie kam auf die Bühne. Auf ihrem Pullover waren in Gold fünf Notenlinien mit großen Noten gedruckt, die sich bis auf die Ärmel ausdehnten. Dazu trug sie einen sehr kurzen, glitzernden Pailletten-Minirock. Zum Erstaunen der Maybebops erklärte sie, dass auf dem Pullover die Originalnoten von Ein neues Weihnachtslied seien, das sie jetzt singen würden. Allerdings stehe nur die erste Strophe drauf, mehr hätte nicht gepasst. Jan sah sie an und kommentierte grinsend: „Oben Weihnachtslied, unten Discokugel“, was ein bisschen frech war, aber so den Punkt traf, dass ich es sehr witzig fand. Die junge Dame erklärte, dass sie dieses Lied besonders bewege und warum und dass sie die Aussage wichtig fände und endete mit: „Die Textzeilen, die mich am meisten bewegen, stehen auf meinen Schuhen drauf.“ Verblüfft warfen die Maybebops ihre Blicke auf die Schuhe. Christoph nickte und kommentierte doppeldeutig passend: „Da stehst du drauf.“

Oliver, der sonst bei diesem Lied die Leadstimme sang, fragte, ob mit der Tonhöhe alles in Ordnung sei, woraufhin sie nickte und „Ich denke, schon“, sagte. Er lächelte freundlich und sagte: „Ich singe nicht mit, aber halte mich bereit“, doch die junge Dame antwortete auffallend schnell: „Du kannst sehr gerne mitsingen.“ Ich konnte mich da täuschen, aber das sah mir sehr danach aus, als würde es nicht glanzvoll werden. Andererseits gab es nicht Schöneres, als wenn Leute, von denen man es nicht erwartete, dann supertolle Sachen machten. Um es kurz zu machen: Es war gut, dass Oliver nicht nur den Einsatz sofort hilfreich vorsang, sondern dann auch laut die Leadstimme übernahm, weil die Sängerin mit einem eher eingeschränkten Tonumfang in etwas anderen Tonlagen unterwegs war. Aber sie fand das Lied sehr gut und sie wollte unbedingt mal mit den Maybebops auf der Bühne singen. Das zumindest war gelungen. Das freundliche Publikum applaudierte am Ende laut.

Seit einigen Jahren Zeit gab es weltweit eine „Last-Christmas-Challenge“, auch „Whamageddon“ genannt, bei der es galt, ab dem 1. bis zum 24. Dezember nicht „Last Christmas“ von der Gruppe „Wham“ zu hören, eines der meistgespielten Weihnachtslieder. Wem es irgendwo, im Supermarkt, beim Radiohören oder auf dem Weihnachtsmarkt zufällig in die Ohren kam, war raus. Das Ziel war, „Last christmas“ zu entgehen und dabei so nah wie möglich an Weihnachten zu kommen. „Wer von euch hat es jetzt schon gehört?“, fragte Jan und lachte: „Wenn ihr das weiter durchhalten wollt, dann geht jetzt raus, denn wir singen es.“ Da lag er allerdings falsch, denn Coverversionen galten nicht, nur dem Originallied sollte entkommen werden. Was ich persönlich gar nicht verstehen konnte, denn ich mochte es gerne. Immer noch. Darum freute ich mich auch uneingeschränkt auf Last Christmas in der Maybebopversion.

Und das wurde großartig. Mit sanften Stellen, mit jazzigen, leise, laut – so könnte ich das immer hören. Nach dem großen Applaus fragte Christoph wie nebenbei: „Wer ist eigentlich dieser Lars?“

Dann war der Zeitpunkt des großen Mitsingens gekommen. Meine zweite Stimme hatte ich natürlich nicht mehr in der Pause geübt, so dass es bei der ersten bleiben musste. Die war allerdings vertraut, denn es war die Melodie von „Adeste fideles“ oder „Herbei, oh, ihr Gläubigen“ oder „Oh Come, all ye faithful“. Die Maybebops hatten einen neuen Text, der zur Zeit passte: „Komm Frieden, oh komme“ und ein neues Arrangement, bei dem in zwei von vier Strophen das Publikum den Hauptteil übernehmen sollte. Die Maybebop-Strophen waren rhythmisch interessant und hatten in meinen Ohren afrikanisch klingende Einwürfe. Als der Mitsingteil dran war, hörte ich um mich herum nur die Melodiestimme und nicht den Ansatz einer zweiten oder dritten Stimme. Ein großer Chor sang gemeinsam, aber anscheinend nur die Hauptstimme, er sang ein wenig schleppend – so wie eine Gemeinde üblicherweise in der Kirche mitsang -, und die Maybebops machten einen knackigen Background dazu, der aber ziemlich verloren ging.

Es war laut, es war eine gemeinsame Aktion, das musikalische Ergebnis war aber auch ein bisschen langweilig. Fand zumindest ich. Eben wie ein Gemeinde-Kirchenlied, bei dem die Singenden durchaus gerne dabei sind, aber bremsend hinter dem drängenden Organisten bleiben. Vielleicht lag das Problem an der vertrauten Melodiestimme, bei der man schnell in den Gemeindetrott fallen konnte.

Sofort ging es weiter mit Der Tod des Weihnachtsmannes. Oliver sang eine tragische Geschichte aus Kindersicht. Wie Papa den Weihnachtsmann entdeckte und aus dem Fenster warf. Aus dem neunten Stock. Es war allerdings schon Februar und der Weihnachtsmann hatte sich unbekleidet im Schlafzimmerschrank versteckt. Das kleine Ollikind sah alles mit Unverständnis und wunderte sich, weil der Weihnachtsmann nicht fliegen konnte. Ganz schön romantisch gesungen, ganz schön brutal.

Noch im Applaus guckten die Maybebops ernst und von der Tragik ergriffen. Und mir ging ein Licht auf: In der Ansage zu Beginn des Konzertes hatte der Weihnachtsmann nicht übertrieben – es gab Tote!

Der Text von Die Nacht ist vorgedrungen war wie ein altes Gebet. Es war ein wunderschönes Arrangement, wunderschön gesungen. Zum Hineinfallenlassen und Getragenwerden. Ein blaues, mystisches Licht unterstrich die große Ruhe und verzaubernde Atmosphäre. Wunderbar. Auch dass bei den Konzerten der Wechsel zwischen sehr ruhigen, berührenden und schnellen, witzigen Nummern völlig problemlos gelang, war wunderbar.

Gleich danach ging es lustig weiter. Für die Improvisation wurden Begriffe gesammelt. Schnell kamen „Tannennadeln“, „Wildschweinbraten“, „Zimtwaffeln“, „Fleischwurst“, „Weihnachtspullover“ und „geflügelte Jahresendzeitfigur“ zusammen, als Stilrichtung eine Ballade. Christoph, Lukas und Jan groovten sich auf Ballade ein und Oliver sang los und improvisierte einen Text mit den genannten Begriffen. Schon dass er sie sich merken konnte, war für mich applauswürdig. Ungewohnt schnell brachte er sie nacheinander in den Zeilen unter, auch wenn der musikalische Stil mehr Blues als Ballade war. Sehr witzig wurde er in der letzten Strophe selber zur geflügelten Jahresendzeitfigur und strich sich über den Bauch, vollgefressen nach den Feiertagen. Kein Wunder nach Wildschweinbraten, Zimtwaffeln und Fleischwurst.

Ganz plötzlich war Schluss, weil alle Begriffe gesungen waren. Ich glaube, den Weihnachtspullover hatte er vergessen, da kann ich mich aber auch vertun. Es gab jedenfalls keine Strophe hinterher, um ihn noch unterzubringen.

Mit Deutschrap ging es weiter. Jan war der KNG of LightZ, der Checker bei der Weihnachtsbeleuchtung. „Ich hab die hellste Villa der Stadt, Light Bulbs heller als der Stern von Bethlehem“, rappte er.

Christoph sang den Refrain mit passend metallischer Stimme, und hatte eine Rap-Einlage, in der er geschätzt 10.000 Wörter in 20 Sekunden losließ. Vielleicht auch 15.000. Unfassbar. Die Stimmung war großartig und dementsprechend feierten die Zuschauer Party, nickten mit den Köpfen und schwenkten die Arme hin und her. Yo, Bro!

Es gab großen Jubel und die Maybebops gingen ab. Auf der Bühne wurde es dunkel. Pfiffe, Schreie und rhythmisches Klatschen holten sie zurück. Im Halbdunkel war zu erkennen, dass sie sich mit den Rücken zum Publikum aufstellten. Als die ersten Töne erklangen, gab es neue Jubelschreie, denn Gummibaum begann. Mit passendem Akzent freute sich Jan als eingebürgerter, muslimischer Mitbürger über das glitzernd-leuchtende Fest Ende Dezember, dessen Sinn ihm völlig fremd war. Sehr witzig, musikalisch sehr authentisch, mit orientalischem Tanz – großes Kino.

Es gab Riesenjubel, das Publikum wirkte aufgedreht und allerbester Laune. Die vier Maybebops standen auf der Bühne und der große, lange Applaus füllte den Saal. Sie konnten erstmal nur abwarten, was eine ganze Weile dauerte.

Als der Applaus endlich ein kleines bisschen nachließ, hob Christoph sein Mikrofon und sagte: „Wir würden jetzt auch noch was singen.“ Sofort brach das Klatschen ab und innerhalb von Sekunden saßen alle Zuschauer. Verblüffend. Da staunten auch die Maybebops und guckten kurz verwundert. Das hätte geprobt nicht besser laufen können. Christoph stellte schnell noch einige Merchandise-Artikel vor und verwies auf das neue T-Shirt, auf dessen Rückseite alle 86 Termine für das Jahr 2026 aufgedruckt waren. „Wer die alle besucht …“ – er senkte die Stimme und erklärte: „Es gibt Menschen, die machen so was“, woraufhin in der ersten Reihe einige Zuschauer loslachen mussten, „… wer die alle besucht und abhaken lässt, bekommt das Tourshirt 2027 geschenkt.“ Na, das war ja wohl ein Schnäppchen. Mal eben 86 Reisen mit Eintrittskarten, Fahrtkosten und Hotel für ein T-Shirt. Mir war aber klar, dass es Leute gab, die das ernsthaft überlegten. Bei 86 Konzerten im Jahr, aber bei mir am Wohnort, wäre ich dabei.

Was so alles auf Weihnachtsmärkten an Pop aber auch alten Schlagern lief, wurde im Weihnachts-Medley gesungen. Oliver kündigte vorher an: „Wir ballern euch ein paar der Hits um die Ohren. Macht mit, singt mit, ihr könnt alles fahren lassen!“ Die drei anderen Maybebops lachten bei diesem nicht ganz perfekten formulierten Begriff los und Jan wedelte sich kurz vor der Nase herum, um Gerüche zu verwedeln. Auch im Publikum wurde fröhlich losgelacht. Es startete ein Medley eingängiger Hits von „Rockin around the Christmastree“ bis zu einem leicht schluchzenden Peter Alexander. Das Publikum jubelte immer wieder auf, sang mit, stand schließlich und feierte Weihnachtsparty. Auf der Bühne gab es sowohl große musikalische als auch choreografische Abwechslung, alles passte, alles machte großen Spaß.

Was für eine Stimmung! Der anschließende Applaus war wieder riesig und es kamen begeisterte Pfiffe und Gejubel. Standing Ovation gab es automatisch, weil ja sowieso schon alle standen. Plötzlich sah Christoph, dass sich im Gang Leute bewegten. „Wir singen noch eins. Nicht gehen!“, rief er bittend und anscheinend entsetzt. Ob das die frühen Geher, die sich vermutlich zeitliche Vorteile an der Garderobe ausrechneten, zurückhalten konnte, war für mich nicht zu erkennen. Lukas reckte sich währenddessen mit schmerzverzogenem Gesicht und klagte: „Aua. Ich habe unten am Hemd einen Schrittgummi eingenäht, der das Hemd glatt hält. Jetzt, nach 15 Weihnachtskonzerten wird’s langsam eng.“ Jan kommentierte mit ernster Miene halblaut: „Ich habe dir doch Zinksalbe gegeben“, was sofort einen Lacher auslöste.

Zum letzten Lied setzten sich die Zuschauer wieder hin. Das war auch gut, denn das ließ sich im Sitzen am schönsten genießen. Nacht, Nacht, heilige Nacht klang wie ein friedvolles Gebet intensiv durch den Saal. Kein Schnickschnack, keine Extras, keine Choreografie, nur vier sehr schöne Stimmen, die perfekt aufeinander eingestimmt waren. Klar, eindringlich, wunderwunderschön. Ganz große Klasse.

Nach dem letzten verklungenen Akkord gab es einige Sekunden Stille, dann ging der Applaus los.

Das letzte Konzert der Weihnachtstour war vorüber, das Jahr war geschafft.

Hach, was für ein wunderbar schöner, lustiger, berührender, ergreifender und guttuender Abend.

Wir sagen euch an
Schenken
Weise aus dem Morgenland
Joy to the world
Ho ho Hotline
(keine Ahnung, ob das der Titel ist)
Weihnachtsmann und Co KG

Oma wurd gerammt von einem Rentier
Nu Tändas Tusen Juleljus
God rest you merry, Gentlemen

Der alte Mann
Carol of the Bells
Ein neues Weihnachtslied
Last Christmas
Der Tod des Weihnachtsmannes
Die Nacht ist vorgedrungen

KNG of LightZ
Gummibaum
Weihnachts-Medley
Nacht, Nacht, heilige Nacht