Berichte

Eddi & Friends – mit Sari und Clemens – 17.10.2026 – Köln

Johanneskirche, Köln-Klettenberg
Edzard (Eddi) Hüneke, Tobias (Tobi) Hebbelmann, Jan Niemeyer, Marc (Sari) Sahr, Clemens Tewinkel

In der Kölner Johanneskirche gab es zu Wise Guys Zeiten ein Mal im Jahr zwei umjubelte Konzerte. (Mein erster Bericht über ein Wise Guys Konzert in der Johanneskirche ist aus dem Jahr 2001) Die Kirche steht im Viertel Köln-Klettenberg, das mit dem Nachbarviertel Sülz so verschmolzen ist, dass die Bezeichnung „Sülz/Klettenberg“ in Köln völlig normal ist. In diesem Viertel sind vier der fünf Wise Guys aufgewachsen und zur Schule gegangen, weswegen viele der dortigen Konzertbesucher mit ihnen bekannt, befreundet oder familiär verbandelt waren. Es gab immer zwei Konzerte nacheinander. Das Nachmittagskonzert war etwas kürzer und vorwiegend für Kinder gedacht, das Abendkonzert für die Größeren. Beide Konzerte waren auch bei Fans beliebt, denn die Atmosphäre in der Johanneskirche war wegen der vielen Leute aus dem persönlichen Umfeld der Wise Guys gefühlt privater. Und nach den Abendkonzerten gab es in deutlich kleinerem Kreis Nachfeiern im Untergeschoß, zu denen der Küster selbstgebrannten Schnaps mitbrachte. Auch die waren legendär.

Inzwischen gab es die A-cappella-Gruppe Wise Guys nicht mehr und bis auf einen Wise Guy waren alle anderen schon lange aus dem Viertel weggezogen. Aber jetzt machte Eddi, ehemaliger Wise Guy, der inzwischen solo (oder mit Tobi) unterwegs war, ein Konzert in der Johanneskirche. Als Gäste waren an diesem Abend Sari und Clemens dabei, beide ehemalige Wise Guy, die beruflich nicht mehr mit Musik zu tun hatten, aber noch singen konnten. Es würde kein Wise Guys Konzert werden, aber zumindest so ein bisschen alte Zeit würde zwischendurch mal zu erahnen sein. Das wollte ich mir anhören.

Am Konzertabend war es kühl. Der erste richtige Herbsttag verlangte, dass nun doch mal die warme Jacke aus dem Schrank geholt werden musste. Kurz vor Beginn des Einlasses zog sich – wie auch früher – eine lange Warteschlange von Anstehenden weit den Bürgersteig entlang. Es war aber alles deutlich ruhiger und nicht so aufgedreht wie früher. In der dann recht vollen Kirche gab es für mich einige vertraute Gesichter aus früheren Wise Guys Zeiten. Familie, Freunde, Fans. Fast alle Besucher behielten ihre Jacken an, denn die Kirche war ungeheizt. Ich sah auf die drei Stufen im Altarraum, plus der vierten, kleineren im hinteren Bereich, die früher bei Wise Guys Konzerten zu Stolperfallen bei den Choreographien werden konnten. Da war es beim Zuschauen manchmal spannend, wie sie die einbauten, umgingen oder dann doch übersahen. Heute waren sie nur Stufen, denn es würde ziemlich sicher keine Choreographien geben. Aber ich merkte schon, wie die alten Erinnerungen hochkrochen.

Als das Licht im Kirchenschiff ausging und nur der Altarraum rot beleuchtet blieb, war aus den Zuschauerreihen erwartungsvolles: „Uuh!“ zu hören. Es geschah aber nichts. Die Dudelmusik lief weiter, alle warteten ab. Ich musste grinsen. „Hatte jemand den Schalter in der Sakristei für das Abstellen der Musik nicht gefunden?“, dachte ich. Das war früher oft passiert, dass während des Konzertes in der Johanneskirche ein Licht an- oder ausgeschaltet werden sollte, aber niemand genau wusste, wo in der Sakristei der Schalter zu finden war. Aber dann hörte die leise Musik doch auf und der Keyboarder Tobi Hebbelmann sowie der Drummer Jan Niemeyer kamen aus der seitlichen Sakristei, bekamen Applaus, setzten sich an ihre Instrumente und begannen zu spielen. Nach einigen Takten kam auch Eddi durch den Mittelgang nach vorne, wurde beklatscht, griff zur Gitarre und es ging los mit Da ist Musik im Raum. Der Refrain sollte vom Publikum mitgesungen werden, was es auch gerne machte. Es klatschte sogar taktsicher auf die 2 und die 4 mit.

Die musikalische Begleitung war sehr gut, nur der Sound war etwas hallig, was aber typisch für eine Kirche war. Ich saß in einer der vorderen Reihen und konnte alles recht gut verstehen, Leute, die hinten saßen und noch mehr Schall- und Echowellen mitbekamen, hatten vermutlich manchmal Schwierigkeiten. „So hab ich mir das gewünscht“, sagte Eddi nach dem Lied freundlich lächelnd und ging sofort singend in die Zeile: „Doch das Leben macht, was es will“ über. Das war auch der Titel des Liedes. Eddi sang von Wünschen und Plänen, und das Publikum setzte an den passenden Stellen immer wieder mit „Doch das Leben macht, was es will“ ein.

„Wie schön, hier zu sein, ich freue mich riesig“, sagte Eddi nach dem Applaus und stellte sich vor: „Ich bin Eddi.“ Er wies auf die Musiker hin: „Und das sind … Moment …“ Scheinbar überlegend wartete er kurz und erinnerte sich dann: „… Tobi. Und Jan.“ Tobi revanchierte sich etwas später, als er über Eddis musikalische Vergangenheit sprach: „Deine ehemalige A-cappella Band … ich hab den Namen vergessen …“ Eddi antwortete: „Basta.“ Das gab Gelächter, denn das war zu Wise Guys Zeiten eine weitere Kölner A-cappella-Gruppe. Er fragte, wer von den Zuschauern bei einem Wise Guys Konzert in der Johanneskirche war und stellte beim Blick auf die erhobenen Hände etwas erstaunt fest: „Gar nicht mal so viele.“ „Wer ist wegen Tobi hier?“, fragte er. Das waren mehr. „Wegen Jan?“ Noch mehr. Protestierend rief Tobi: „Ey, das sind genau die Gleichen! Das geht gar nicht!“

Im Ernstfall locker bleiben war das nächste Lied, und wieder sang das Publikum auf Aufforderung die Refrainzeile mit und klatschte auf die 2 und die 4. Es war ein Mitmachprogramm, und ich überlegte kurz, ob das zufällig an diesem Abend an der Reihenfolge der Lieder lag, oder Eddi das extra so haben wollte. Ich kam auf: Er möchte das so. Die Zuschauer sollen sich eingebunden fühlen und aktiv dabei sein. Nach dem Applaus erklärte Eddi: „Wir haben uns überlegt, wir machen drei Songs zum Aufwärmen, bevor es zu den ruhigen Sachen geht. Aber jetzt wird hier nicht geheizt. Unten, im Keller, da wo der Backstagebereich ist, war es wärmer.“ Sofort fiel mir ein: Hatte er vielleicht noch eine vergessene und verstaubte Flasche Schnaps entdeckt und es darum im Keller für warm gehalten? – Eher nicht.

Für den Titelsong der neuen CD Atempause gab es fünf Streicher, die aber nicht da waren, sondern vom Band kamen. Oder wie Eddi sagte: „Aus der kleinen Kiste.“ Die fünf Streicher strichen nicht nur, sondern zupften auch. Das war sanft und schön. Eddi sang beruhigend und mit hohen Tönen in der Melodie: „Gönn dir eine Atempause“, wiederholte die Zeile oft und die Atmosphäre wurde meditativ und ruhig. Sehr ruhig. Auch Tobi und Jan hatten Spielpause. Mein Blutdruck ging runter auf 4. Dann schlug Eddi dem Publikum vor, zu summen. „Das ist eine Maßnahme, um Stress zu regulieren“, erklärte er. Ich hatte aber gar keinen Stress und war sowieso sehr runtergefahren. Ich summte trotzdem mit.

„Das nächste Lied widme ich meiner Mutter“, kündigte Eddi an und nannte den Titel: Nimm dir Zeit. Es ging wieder darum, zu entspannen, zu sich selbst zu finden und sich Zeit zu nehmen. Inzwischen war ich mehr als tiefenentspannt und dachte spontan: „Jetzt reicht’s.“ Mir wurde es zu ruhig und zu entspannt. Das war aber nur mein ganz privates Gefühl, weil ich generell gerne etwas tue und außerdem gerade fast platzte vor Energie und Tatkraft. Ich war stabil, befand mich völlig in meiner Mitte und mein Leben passte gut zu mir. Und es war auch etwas ungerecht gedacht, denn viele Leute fanden es genau richtig, fühlten sich angesprochen und aufgefangen und genossen es sehr. Von daher war alles gut gemacht, nur ich passte zufällig nicht ins Konzept. Trotzdem hörte ich aufmerksam zu und entspannte mit. Ich weiß nicht, ob es gewollt war, aber im Text lief Eddis Mutter, die ich im Übrigen gekannt habe und darum bei jeder Zeile klar vor Augen sah, immerzu kochend, putzend und sehr beschäftigt herum, tat dies und das und kümmerte sich durchgehend um ihre Familie, während sie allen zusprach, dass sie sich Zeit für sich nehmen sollten. Das hatte einen Komikfaktor, denn ich sah vor mir, wie sich alle ihre Zeit nahmen und herumsaßen, und nur sie weiterhin herumwuselte, damit dann auch das Essen auf den Tisch kam und im Garten der Rasen gemäht war.

Eddi hängte anschließend seine Gitarre an einen Gitarrenständer und sagte zu Tobi: „Vielleicht liegt es am Kapodaster, wenn ich sie so aufhänge?“ Tobi erklärte dem Publikum, dass Eddis Gitarre sich ungewöhnlich häufig auch während eines Konzertes verstimmte. „Und wenn er sie stimmt, muss ich immer etwas erzählen“, beklagte er sich, aber da war Eddi schon fertig, griff zum Handmikrofon und sagte, dass das nächste Lied Endlich frei von Tobi, Jan und ihm zusammen geschrieben sei. Es war musikalisch schon wieder eher langsam und ruhig und ging inhaltlich um das Aufbrechen an ein Ziel, das Lösen von Zwängen und die eigene Freiheit. Das passte zum Konzept der CD „Atempause“ und auch zu Eddis Arbeit als Coach, zu Präsenz, Klarheit und Resilienz. Ich konnte mir gut vorstellen, dass viele Menschen sich sehr davon angesprochen fühlten.

Danach begann Eddi: „Ich habe jetzt die große Freude …“, er lachte: „… meinen besten Freund, hätte ich jetzt fast gesagt.“ Tobi stellte sofort kritisch fest: „Du trennst Arbeitskollegen und Freunde?“ und guckte pikiert. Das Publikum jubelte schon und freute sich auf Sari. Der kam überraschend nicht durch den Mittelgang, sondern von links aus der Sakristei und wurde mit lautem Applaus begrüßt.

„Ich habe schöne Erinnerungen an die Johanneskirche“, erinnerte er sich. Eddi nickte: „Früher gab es den Küster Zimmermann mit seinem selbstgebrannten Schnaps.“ „Dreifach gebrannt!“, lachte Sari und erklärte: „Das war … also … so. Ja.“ Die Zuschauer lachten und Sari bestätigte grinsend: „Es war legendär.“ Eddi erzählte vom hohen Prozentgehalt des Schnapses und erinnerte Sari: „Wir hatten ein Mal ein Alkoholmessgerät dabei.“ Sari lachte und erinnerte sich: „Das ging kaputt.“ Die Stimmung in der Kirche war sehr fröhlich.

Das nächste Lied war „Hürth, meine Perle“. Eddi sprach den Ortsnamen im rheinischen Tonfall aus, der aus einem vornehmen „Hür-th“ ein kräftiges „Hörrrtt“ machte. Hürth lag etwa 5 Kilometer stadtauswärts von Sülz-Klettenberg, und während viele Familien dort hinzogen, war es doch nicht mehr Kölner Stadtgebiet und galt für Kölner dementsprechend als nicht cool. Nachdem noch zu Wise Guys Zeiten sowohl Eddi als auch Sari und dann auch noch das Wise Guys Büro von Sülz/Klettenberg nach Hürth gezogen waren, hatte Dän aus Frust und mit Kölner Überheblichkeit dieses schmalzig-romantische Lied geschrieben. Sari und Eddi sangen theatralisch vom Ort ohne Stadtkern, in dem nichts los war und man sich auf dem Parkplatz des Baumarktes traf. Ich kannte fast alle aufgezählten Orte und fand es nicht nur lustig, sondern auch ziemlich wahr. Sie brachten es sehr schön und es war herzergreifend lustig.


Es gab viel Applaus und Jubel, und Eddi sagte leise: „Ach ja.“ Danach erzählte er, dass Hürther Immobilienangebote schon die Ortsbezeichnung „Klettenberg-Süd“ bekommen hatten, um Interessenten nicht abzuschrecken. Weil er im Kopf sowieso gerade Köln verlassen hatte, wies er auf ein kommendes Konzert im „LED Cave, hier in Erftstadt“ hin. Erftstadt lag nochmal 15 km hinter Hürth. „Hier!“, lachte Eddi kopfschüttelnd über sich und sagte: „Es ist FAST schon hier.“ Tobi nickte: „Klettenberg Süd-Süd-Süd“, was wieder sehr lustig war.

Bei Raus hier übernahm Tobi eine Strophe als Sänger, was er ebenso gut konnte wie das Keyboardspielen, und er war auch beim kräftigen dreistimmigen Refrain dabei. Jan vielleicht auch, dann wäre es vierstimmig gewesen, aber da fiel mir erst am Ende des Liedes auf, dass ich nicht darauf geachtet hatte, ob er mitgesungen hatte. Vermutlich ja.

Eddi griff zur Gitarre und begann, sie zu stimmen. Tobi sagte sofort: „Ja, stimm ruhig! Ich erzähl was.“ Eddi schlug vor: „Wie hast du eigentlich den Sari kennengelernt?“, war dann aber schon fertig mit dem Stimmen und es konnte sofort mit Diesen Augenblick weitergehen. Die Mitsingzeilen für das Publikum waren rhythmisch schön und textlich mit viel „Padda padah …“ nicht schwierig. Aber das Ende war sehr plötzlich. Ein Refrain endete wie alle vor ihm mit „Padda padah, padda padah, pada padah padapa … paja“ und – Ruhe. Ach so, ging gar nicht weiter. Und es gab auch keinen Schlussakkord. Ähm …? Dann erst setzte der Applaus ein. Eddi kündigte an: „Nach dem nächsten Lied gibt es eine kleine Pause“. Vorher kam aber noch Alles wird gut. Sari, Eddi und Tobi sangen die Strophen, es war sehr schön, und am Ende rief Sari in den Applaus: „Dankeschön! Und bis gleich!“ und die vier gingen in die Sakristei ab.

Nach der Pause kam Eddi alleine zurück und sang mit eigener Gitarrenbegleitung Mein Lieblingsmensch, ein Lied, das er für Vicky, seine Frau, geschrieben hatte. Es gab für das gemeinsame Miteinander wieder einen Mitsingteil: „Dü dü, yeah, yeah, yeah.“ Das machte schon Spaß, immer wieder mitsingen zu können, aber ich erwischte mich auch dabei, manchmal nicht mehr genau auf den Text zu hören, weil ich meinen Einsatz nicht verpassen wollte. Nach dem Applaus wies Eddi mit einer Hand zur Sakristei und sagte laut an: „Meine guten Freunde … Tobi und Sari!!!“ Hinter den beiden kam auch Jan. Eddi fragte verblüfft: „Und Jan?“ Sichtlich verwirrt stellte er fest: „Ach, du bist auch dabei.“ Es ging aber nicht um die Frage, ob Jan zu den „Freunden“ gehörte, sondern warum er jetzt schon wieder da war. „Zum Einzählen“ war die Erklärung.

Tobi wandte sich interessiert an Eddi: „Wer ist eigentlich dein Lieblings-Freund?“ „Naaa?“, sah auch Sari ihn gespannt an. Eddi überlegte kurz und sagte dann: „Ich habe gelernt, dass es bestimmte Fragen gibt, auf die man nicht antworten soll.“ Schlaue Diplomatenantwort. Jetzt wandte Tobi sich an Sari: „Sari, wie haben wir uns eigentlich kennengelernt?“ Das Publikum hatte Spaß. Und es erfuhr, dass Tobi der Klavierlehrer von Saris und Eddis Kinder gewesen ist.

Sari sagte: „Die Kinder hatten irgendwann keinen Bock mehr.“ Tobi nickte: „Ich weiß. Aber ich sage nichts dazu, denn es sitzen einige davon hier.“ Lustigerweise saß einer davon direkt hinter mir, aber ich sah mich nicht um, um zu sehen, ob er schuldbewusst guckte oder breit grinste. Vermutlich grinste er sehr breit. Sari berichtete freudig: „Aber fünf Jahre später haben sie sich plötzlich ans Klavier gesetzt und es sich selber beigebracht.“ Er machte eine kurze Pause, grinste und sagte genüsslich: „Wenn ich das gewusst hätte!“ Das Publikum lachte mit. Es war schön, wie locker und unbeschwert sie auf der Bühne miteinander umgingen.

Es folgte Free fallin von Tom Petty mit mehrstimmigem Gesang. Danach sagte Sari, dass sie die Gruppe jetzt noch vergrößern würden und rief ansagend: „Unser bester Freund!“, was sofort wieder Gelächter gab, das sich mit sehr viel Applaus für Clemens mischte, der ebenfalls von der Seite kam.

Der große Jubel des Publikums freute Clemens sichtlich. Als es ruhig wurde, sagte er: „Ich bin das nicht mehr gewohnt.“ Er erzählte, dass seine Kinder zu Wise Guys Zeiten noch sehr klein waren und alles gar nicht richtig mitbekommen hatten. (Anmerkung: Clemens hat die Wise Guys 2008 verlassen. Als die Gruppe 2017 aufhörte und in Köln ein letztes Tanzbrunnenkonzert gab, war er für einen Auftritt dabei.) „Beim letzten Konzert im Tanzbrunnen waren die Kinder backstage. Als ich auf die Bühne kam, gab es vom Publikum auch solche Reaktionen. Mein Sohn hörte das hinter der Bühne und konnte es nicht fassen: „Das ist doch nur der Papa!““ Das Publikum in der Kirche lachte los. Was für eine schöne Geschichte! Sari beruhigte die Zuschauer in den Kirchenbänken mit: „Es ist doch nur der Clemens!“

Das Lied Weißt du noch war ziemlich autobiographisch. Die Textzeile „Mit sieben Leuten über den Brenner“ wäre erfunden, das hätte so nie stattgefunden, gaben Sari und Eddi vorher zu, aber es ging um Freundschaft und Erinnerungen und war schön und balladig. Das war A-cappella-Feeling und ganz nah an den Wise Guys. Ich mochte das Lied sehr, und die warme, vertraute Stimme von Clemens mal wieder zu hören, gefiel mir auch. Außerdem war ich immer hingerissen, wenn mich etwas an die frühen Wise Guys erinnerte, die es so ja gar nicht mehr gab. Das Lied berührte und bekam viel Applaus. Danach gingen Eddi und Sari ab, und Clemens erzählte, dass er seine Lieblings-Wise-Guys-Nummern zuhause am Klavier geübt hätte. „Es ist aber schöner, wenn es jemand spielt, der es richtig kann.“ Er wies auf Tobi am Keyboard, der ihn dann auch bei Romanze gekonnt begleitete. Clemens sang vom Aufeinandertreffen zweier Menschen, von denen einer den Mond und die Sterne romantisch sah, der andere sachlich.


Nach dem ersten Refrain blickte er zu Tobi und musste schnell loswerden: „Das waren eben schöne Harmonien! Muss ich auch lernen.“ Er sang weiter. Im zweiten Break lächelte er plötzlich, war sichtlich berührt und sagte zum Publikum: „Es ist so schön, was er macht.“ Tobi antwortete mit ein paar sehr schönen Extra-Harmonien. Er konnte es einfach. Das Publikum jubelte am Ende laut, und schon wieder sah Clemens sichtlich gerührt und sehr erfreut aus. Er arbeitete seit seinem Ausstieg bei den Wise Guys im wissenschaftlichen Bereich, da geschah es vermutlich nicht häufig, dass eine Menschenmenge in Jubel und Applaus ausbrach, wenn er etwas präsentierte. Und Zuhause konnte man so etwas ja sowieso selten erwarten.

„Ich hatte gerade einen kleinen Texthänger“, sagte Clemens über einen Holperer, den ich kaum registriert hatte. „Das darf mir beim nächsten Lied nicht passieren, dann bricht alles zusammen.“ Er rappte Der dicke Dachdecker, einen Zungenbrecher von Bodo Wartke, und gleich danach noch einen weiteren Bodo-Zungenbrecher im Rap-Stil, den ich aber nicht erkannte. Es war großartig, wie schnell, sauber und artikuliert Clemens rappte und wie präzise er war. Wow! Mein Kopf kam allerdings nicht so schnell hinterher, wie er die Worte aussprach. Dazu kam, dass der hallige Kirchenklang die saubere Artikulation verwischte. Es war zu hören, dass Clemens es konnte, aber wegen zu viel Hall war vieles nicht zu verstehen. Egal. Es war klasse. Im großen Applaus kam Sari aus der Sakristei zurück und rief bewundernd: „Clemens! Du mit den Rap-Qualitäten! Bei den Wise Guys war das immer MEINE Domäne!“ Clemens winkte ab und sagte: „Jetzt kommen wir zu MEINER Domäne – die des dümmlichen Trottels.“ Sari sagte spontan: „Das will ich dir nicht streitig machen.“

Nur für dich war dran. „Sonst habe ich mir da immer Wasser über die Haare …“, erklärte Clemens noch, da zeigte Eddi auf eine Flasche: „Hier ist Wasser.“ Clemens schien erst ablehnen zu wollen, überlegte dann kurz und griff danach. Lachend protestierte Sari: „Du hast MEIN Hemd an! Mach keinen Scheiß!“ Aber es war zu spät. Clemens machte seine Haare sehr nass, es tropfte viel Wasser auf den Boden, und er verteilte es erst auf dem Kopf und strich sich dann mit den Händen die nassen Ponyfransen in die Stirn. Dann setzte er seinen treudoofen Gesichtsausdruck auf, blickte verständnislos ins Publikum und war vorbereitet.

Im Publikum wurde leise mitgesungen und es gab immer wieder leichtes Gelächter. Dann kam der Break, Clemens strich sich die Haare zurück und im Lied wurde es rockig. Schön. Wie früher! Ich wollte gar kein „Nur für dich Version 2.0“ in neuem Arrangement. Ich freute mich sehr über ein bisschen Wise Guys Gefühl von früher. Und da Clemens sang und sich bewegte wie früher, und Sari und Eddi im Hintergrund sangen, war das sogar ganz nah an den Wise Guys.

Anschließend gab es großen Jubel, und Sari und Clemens gingen ab.

Eddi kündigte den letzten Song des heutigen Abends an, woraufhin es erwartungsgemäß vom Publikum bedauerndes: „Oooooh!“ gab. Daraufhin sagte er: „Vielleicht seht ihr sie heute Abend noch. Wer weiß.“ Das beruhigte alle sofort. Musikalisch im Countrybereich sang er Cowboys gegen KI. Das Publikum klatschte am Ende sehr und es gab Standing Ovation. Dann kehrte Sari zurück und sofort sangen sie Träum weiter.

Wieder gab es viel Applaus, dann startete Sari mit Deutsche Bahn. Das gab natürlich Jubel und wie immer war es witzig und sehr gut.

Clemens kehrte zurück und es ging ohne Ansage nach Sansibar. Eddi sang vor: „Na na nana …“ und erklärte: „Das ist der Mitsingteil.“ Ja, klar, lachte ich vor mich hin und sang mit. Es war ein Wohlfühllied mit Leichtigkeit und sonnigem Urlaubsgefühl. Rhythmisch war es für mich karibischer Reggea, dabei gehörte Sansibar doch zu Tansania in Ostafrika. Aber ich hatte keine Ahnung, was für Musik die Sanisbaren so machten, deshalb akzeptierte ich es einfach, wackelte etwas im Rhythmus mit und sang dazu.

Am Ende standen die Zuschauer auf, applaudierten laut und jubelten. Was für ein schöner Abend! Laut, leise, meditativ, mitsingend, lustig und mit Erinnerungen, etwas Wise Guys-Gefühl und Flashbacks.

Die fünf Musiker kamen nach vorne, stellten sich nebeneinander und verbeugten sich. Da fiel mir zum ersten Mal auf, dass die drei Wise Guys aus der Ur-Besetzung auf der Bühne standen und zusammen mit den zwei Leuten neben ihnen der Eindruck der fünfköpfigen „Wise Guys“ entstand. Wenn ich nicht so genau nach links blickte, könnte ich es für den Abschluss eines früheren Wise Guys Konzertes in der Johanneskirche halten. Und wenn die Wege und Pläne anders verlaufen wären, könnte das die A-cappella-Gruppe „Wise Guys“ in der aktuellen Formation sein. Es war nicht so, dass ich mir das dringend so wünschte, es ging mir nur durch den Kopf.

Die fünf Leute, die nicht die Wise Guys, sondern „Eddi & Friends“ waren, verbeugten sich unter großem Applaus und gingen durch den Mittelgang ab. Es gab sofort einige Zugaberufe, die aber schnell verstummten, weil es im Mittelschiff zwar noch dunkel blieb, aber schon eine eingespielte Dudelmusik zu hören war. Das Konzert war wirklich beendet. Als das Klatschen aufhörte, war die Dudelmusik doch kein Gedudel, sondern ein Stück von Eddi, bei dem er sang. Vermutlich etwas vom neuen Album, das es im Foyer gab. Es war aber zu leise, um es richtig zu hören. Das Licht ging an, die Besucher griffen nach ihren Sachen – die Jacken hatten die meisten immer noch an – und es ging ins wuselig volle Foyer, wo es noch Begegnungen, Gespräche, Umarmungen und Gelächter gab. Ob im Keller Schnaps stand, weiß ich nicht, aber die Zeiten von Herrn Zimmermann waren auch vorbei.