Regiearbeit mit Mark Britton - 2003


Es war Samstag, der 30. August 2003. Nach mehreren Wochen Sommerpause sollte am nächsten Abend das erste Konzert nach der Pause stattfinden, und die Wise Guys hatten sich vorgenommen, die Show bis dahin unter der Regie von Mark Britton noch besser zu machen. Das war ungefähr so, als ob man kurz vor einer anstehenden Feier noch schnell das komplette Wohnzimmer renovieren will und dann kurz vor dem Eintreffen der Gäste unvermeidlich im Chaos zwischen heruntergerissenen Tapeten und halbvollen Farbeimern steht und sich fragt, wie man um Himmels Willen auf diese blöde Idee gekommen war. War doch vorher eigentlich ganz in Ordnung gewesen.

Einigen Wise Guys konnte man ansehen, dass sie sich die Frage, warum um Himmels Willen sie das jetzt noch machen wollten, an diesem Morgen schon vor Beginn der Arbeit gestellt hatten. Es war 10 Uhr, für sie recht früh, und sie saßen bei einem ersten Kaffee im Foyer der Kölner Comedia und guckten zweifelnd. Es war schwierig genug, nach der Pause die Texte und vertrauten Schritte wieder abrufbereit im Kopf zu haben. Jetzt sollte es auch noch Änderungen beim Licht, der Choreographie und den Positionen auf der Bühne geben? Wieso hatten sie VOR der Sommerpause gedacht, das sei eine gute Idee?

Aber es war zu spät. Der Termin war gemacht, das Kölner Comedia-Theater für zwei Tage angemietet, und Mark Britton rannte in diesem Moment am Theatereingang vorbei, drehte ruckartig mitten im Laufschritt um und stolperte mit Schwung über die Schwelle ins Foyer. Er kam vor dem Tisch zum Stehen und fand sein Gleichgewicht wieder. Eddi fragte unsicher: „War das Absicht?“ Mark grinste: „Hey! Ich bin Profi!“ Er lachte breit. Es fing lustig an, aber allen war klar, dass die zwei Tage nicht unbedingt lustig bleiben würden.

Die Wise Guys gingen mit Mark auf die von Scheinwerfern hell erleuchtete Bühne. Der Zuschauerraum war völlig abgedunkelt, und nur die Leuchtdioden an den Ton- und Lichtmischpulten blinkten gelb und grün aus dem hinteren Teil des Saales. Das komplette Technikteam saß dort, um mit an der neuen Show zu arbeiten, die ein exaktes Zusammenspiel zwischen den Technikern und den Wise Guys erforderte. Mark klebte mit Schwung eine erste Klebeband-Markierung auf den Boden und wies den nutzbaren Bühnenbereich aus. „Hier ist die Mitte. Es ist sehr schwer am Anfang, aber es wird schnell zur Gewohnheit“, tröstete er die skeptisch guckenden Wise Guys, die auf der Bühne verteilt herumstanden und ihm still zusahen.

Mark Britton wollte eine fließende Show erarbeiten, in der die Wise Guys nicht jedes Lied für sich sangen und zwischendurch planlos rumstanden, weil jemand moderierte, sondern es sollte am Ende eines Liedes schon klar sein, wer auf welche Position musste und alles geschmeidig ineinander übergehen. Die Wise Guys begannnen mit "Weil ich ein Kölner bin". Da gab es für sie in den Bewegungen nicht viel zu tun. Eng nebeneinander standen sie fast bewegungslos auf der Bühne, sangen nur, und das Lichtteam stellte nach den lauten Anweisungen von Mark die passende Beleuchtung dazu ein.

„Jetzt alle ein bisschen weiter nach vorne!“, kommandierte der Regisseur, der konzentriert auf alle Kleinigkeiten achtete, während des Singens. Die fünf Sänger auf der Bühne rutschten in kleinen Schrittchen nach vorne, bis er „Stop!“ rief. „Zusammenrücken! Clemens näher! ... Wow!“ Damit das Lichtteam den richtigen Zeitpunkt und das passende Tempo für die Abblendung finden konnte, wurden die letzten vier Takte mehrfach gesungen. Als Mark ein begeistertes: „Great!“ ausrief, war es geschafft.

Aber noch nicht ganz. „OK, nochmal und jetzt sofort weiter zum nächsten Lied.“ Das war schon etwas schwieriger, denn geplant war, dass das Licht am Ende des ersten Liedes ausblendete, die Wise Guys im Dunkeln auf neue Positionen laufen, mit „Ruf doch mal an“ beginnen und bei den ersten Tönen sofort im Spotlight stehen würden. Wieder sangen sie die letzten Takte von „Weil ich ein Kölner bin“, das Licht wurde perfekt ausgeblendet, Mark rasselte nachlässig: "Applaus, Applaus, Applaus" herunter, und die Wise Guys stolperten in der Dunkelheit über die Bühne und versuchten, ihre neuen Positionen zu finden. Aus dem Dunkel heraus klang die ratlose Stimme von Ferenc: „Ich brauche jetzt mein Handmikrofon.“  

Licht an und neue Überlegungen. Wie kommt Ferenc zwischen den Liedern rechtzeitig an sein Mikrofon, das während des ersten Liedes auf dem Tisch an der Seite liegt? Und wie können die Wise Guys nach dem Erlöschen der Scheinwerfer ihre exakten Positionen finden, damit sie dann genau unter dem Spot und nicht knapp daneben stehen? Mark packte fluoreszierendes Klebeband aus, um die fünf wichtigen Stellen zu markieren, „Es soll nicht aussehen wie eine Flughafen-Landebahn bei Nacht“, und Ferenc musste das Mikro schon während des ersten Liedes unauffällig in der Hand halten.

Mehrfach wurde der Übergang zum zweiten Lied geübt. Die Wise Guys sangen die letzten Töne, suchten dann rückwärts gehend im Dunkeln nach den kleinen, leuchtenden Streifen auf dem Boden, das Licht war mal zu früh aus, mal zu spät an, und Mark Britton beobachtete alles, fand Schwachstellen und gab genaue Anweisungen. Endlich saß der Übergang, da tauchte das nächste Problem auf. "Ruf doch mal an" war erst seit kurzer Zeit im Live-Programm und hatte noch keine wirklich durchdachte Choreographie.

Mark ließ sich das Lied komplett vorführen. Der Anfang war in Ordnung, aber zwischendrin gab es wirre Laufpassagen, bei denen keiner wusste, wo er am Ende ankommen sollte. Die fünf Wise Guys liefen wild durcheinander, sahen dynamisch aus und passten dabei auf, nicht gegeneinander zu laufen. Mark ließ sie nochmal von vorne anfangen. Plötzlich unterbrach er laut: „Stop! Eddi, wo stehst du in diesem Moment?“ „Keine Ahnung“, war die hilflose Reaktion. „Gut. Richtige Antwort!“, kam lobend zurück. Fragende Blicke von den Wise Guys zu Mark, dann platzte das Gelächter los, als sie dessen Grinsen sahen.

Es musste ein geregelter Ablauf gefunden werden. Clemens schlug seinen Kollegen vor:
„WIR tauschen die Plätze vorne, IHR hinten und wir drehen dabei unsere Positionen. Beim zweiten Mal gehe ich dann von DA nach DA.“
Ferenc: „Nein, da steh ICH doch.“
Sari: „Ferenc, du stehst da beim DRITTEN Mal! … Oder??“
Eddi: „Dann geh ich DA hin, wenn das nicht zu kompliziert ist.“
Ferenc: „Ich finde, es ist JETZT schon zu kompliziert.“
Fünf verwirrte Wise Guys starrten auf den Boden und versuchten im Kopf ihre Wege zu ordnen. Sari ließ die Schultern hängen und seufzte: „Ich hab völlig den Überblick verloren, wann ich wo bin.“

Mark klatschte in die Hände, rief: „Von vorne, bitte!“ und übernahm das Kommando. Während die Wise Guys sangen, hüpften und Positionen suchten, bändigte er das Chaos, gab klare Zielangaben, wedelte mit den Armen, scheuchte zurück, winkte heran und sah aus wie ein Polizist, der den Verkehr auf einer stark befahrenen Kreuzung regelte.

Skeptische und verzweifelte Blicke trafen ihn aus dem Gerenne und den Drehungen, aber er beruhigte: „Ganz ruhig. Es ist simpel, OK?“ Und wirklich bekam das Ganze endlich eine Form, die Hektik verschwand, gezielte Bewegungen kamen und jeder wusste, wo er am Ende der Strophen stehen musste. Wenigstens in den meisten Fällen. Mark, laut: „Geh auseinander!“ Sari, sehr verwirrt: „Ich?“

Beeindruckend war, mit welcher Konzentration und großem Einsatz alle Beteiligten arbeiteten. Sobald das Signal zum Beginnen gegeben wurde, sangen die Wise Guys gut gelaunt und lebhaft los. Sie wirkten, als würde ihnen das Lied auch bei der fünfzehnten Wiederholung noch Vergnügen machen, und nur die fragenden Blicke und die schnellen, hastigen Richtungskorrekturen zeigten, dass sie sich in einer Übungsphase befanden.

Mark Britton lief währenddessen zwischen Bühne, Zuschauerraum und Lichtpult hin und her und rief, von ausholenden Armbewegungen begleitet, laute Anweisungen in den Raum, die sich mit dem kräftigen, fünfstimmigen Gesang zu einer wirren Proben-Arbeits-Atmosphäre mischten. „Licht jetzt heller! Sari nach vorne. Spots! Don’t go there, go here!! Stop, stop, stop!!“

Nach vielen komplett gesungenen Durchgängen und noch mehr abgebrochenen Strophenteilen sagte Mark endlich: „Gut. Noch einmal mit Licht, dann ist Pause.“ Fröhlich lachend, temperamentvoll und scheinbar mit Spaß sprangen die Wise Guys erneut über die Bühne, sangen dabei laut, animierten das nicht vorhandene Publikum zum Mitklatschen, um schließlich nach dem letzten Ton und der angespannten Endpose sofort müde und erschöpft zusammenzusinken. Endlich Pause! Doch da rief Mark: „Das Licht war noch nicht richtig. Jungs, tut mir leid. Einmal noch, DANN ist Pause!“

Ziemlich ruhig und deutlich erschöpft saßen die Wise Guys danach bei einer Pause im Foyer und wussten, dass sie erst zwei Stücke und einen Übergang aus ihrem Programm erarbeitet hatten. Und morgen Abend war das Konzert.

Die Arbeit an der Show war für alle Beteiligten anstrengend. Mark Britton hatte neue Ideen, für die einige altvertraute Verhaltensweisen wegfallen mussten. Er erläuterte seine Vorstellung, motivierte zum Ausprobieren und entwickelte sofort ein neues Konzept, wenn sich herausstellte, dass der ursprünglich gedachte Plan aus irgendwelchen Gründen nicht durchführbar war. Mit den Wise Guys stand ihm eine selbstbewusste Gruppe gegenüber, die aufgeschlossen für Verbesserungen und neue Ideen war, an der Show arbeiten wollte, aber auch an bisher funktionierenden Abläufen hing und nicht alles kritiklos übernehmen wollte, nur weil Mark versprach, dass es besser sei. Da war Psychologie und Motivation gefragt.

Kommandos hallten durch den Raum, die Scheinwerfer klackerten beim Farbwechsel, immer wieder mussten Lieder abgebrochen und Positionen auf der Bühne korrigiert werden, aber trotz Anspannung und steigender Müdigkeit blieb der Umgangston freundlich und respektvoll. Sogar blöde Bemerkungen und schallendes Gelächter waren immer mal wieder drin. Und selten eine Pause; die Zeit drängte.

Zwölfeinhalb Stunden am Samstag und sechs Stunden am Sonntag waren die Wise Guys und das Licht- und Tonteam unter der Anleitung von Mark Britton mit der Umsetzung der Show beschäftigt, dann waren alle erschöpft und urlaubsreif. Aber der Urlaub war vorbei, nur zwei Stunden später sollte das Konzert über die Bühne gehen. Die Wise Guys waren extrem nervös, weil das neue Konzept nur wirken konnte, wenn alles einigermaßen flüssig und ohne größere Pannen ablief. Aber würden sie sich an die vielen neuen Anweisungen, die in ihren Köpfen herumschwirrten, erinnern können? Wer musste noch mal wann unter welchem Spot stehen? Arme hoch oder runter?

Mark Britton versicherte ihnen kurz vor Konzertbeginn mit übersprudelnder Energie und breitem Lachen, dass es funktionieren würde, dass sie gut wären und ihnen alles rechtzeitig einfallen würde. Er war der reine Optimismus, lächelte ihnen aufmunternd zu, verließ den Backstagebereich - und sank mit freiliegenden Nerven auf seinen Platz im Zuschauerraum, wo er nervös auf den Beginn des Konzertes wartete.  

Die Comedia war voll, das Konzert begann, es gab in den Abläufen und Bewegungen keine größeren Pannen, und als die Wise Guys merkten, dass das neue Konzept funktionierte, alles flüssig lief und bei den Zuschauern ankam, wurden sie zunehmend sicherer. Sie freuten sich über den gelungen Start nach der langen Sommerpause, und auch Mark Britton strahlte glücklich. Ich vermute, dass man den dicken Stein, der ihm am Ende vom Herzen gefallen war, nur nicht hören konnte, weil der Applaus der Zuschauer so laut war.