Carmela de Feo / La Signora – Froschkönigin – 10.10.2026 – Erftstadt
20 Jahre „La Signora“ – Die Jubiläumsshow
Gottfried-Kinkel-Realschule, Erftstadt-Liblar
Der Vorhang, der die Bühne an den Seiten und hinten begrenzte, reichte nicht ganz bis zum Boden. Darum konnte ich kurz vor Beginn der Vorstellung sehen, wie zwei kleine, schwarze Schuhe mit zwei schmalen, schwarz bestrumpften Fesseln hinter dem Vorhang entlangliefen und dann wartend dahinter stehen blieben. Es sah sehr niedlich aus. Als würde dort eine kleine Hexe ganz geduldig warten. Auf die Hexe kam ich nur, weil so schmale schwarze Schuhe und dünne Beine ganz typisch für Hexen waren.

Es war dann aber doch „La Signora“, die nach einer Ansage selbstbewusst und energiegeladen auf die Bühne stürmte. Die Kleidung schwarz, der Rock gerade geschnitten und unten zu lang, so dass er die eher kleine Körpergröße noch deutlich gedrungener wirken ließ, die schwarzen Harre straff nach hinten gekämmt und zu einem Dutt gedreht, der von einem Haarnetz überspannt wurde, das vorne weit in die Stirn gezogen war. Ich erkannte sofort die temperamentvolle italienische Mama, die sich, ständig Pasta kochend, um die Kinder, die Wäsche und die Vorlieben der Nachbarschaft kümmerte. Das war aber falsch. Zumindest zum Teil.

La Signora kam aus dem Ruhrpott, hatte eine dicke Klappe, kümmerte sich um alles und konnte „Blagen“ (Kinder) nicht leiden. Das aktuelle Programm hieß „Froschkönigin“. Sie fragte das Publikum: „Von watt is sie denn jetzt Königin?“, und wirkte dabei wie eine strenge Studienrätin. Weil nicht sofort eine Antwort kam, erklärte sie: „Vom Teich. Und watt macht die Froschkönigin den ganzen Tag?“ Aus dem Saal kam vereinzelt: „Quaken.“ Sie korrigierte: „Ich laiche!“, seufzte, weil sie die Wissenslücken ihres Publikums erwartet hatte, und stellte fest: „Jetzt wisst ihr, warum ihr da unten seid und ich hier oben!“
Schnell zeigte sich, dass sie nicht nur reden, sondern auch singen und tanzen konnte. Wobei das Tanzen weniger Fernsehballett, als eher temperamentvolles Bewegen, Wackeln und Laufen war. Mit Bauchtanzelementen und beidfüßigen Hopsern in gebeugter Körperhaltung. Natürliche Eleganz wechselte mit natürlicher Plumpheit, wozu die gesamte Bühnenbreite genutzt wurde. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie es machte, brachte fröhliches Gelächter und anschließend viel Applaus.

Während die Signora gerade redete, hörte ganz plötzlich ein bis dahin im Raum hörbares leichtes Rauschen auf. Sie stockte und fragte: „Hört ihr das auch? Das Rauschen ist weg!“ Aus dem Zuschauerraum kam als Erklärung: „Die Lüftung.“ Sofort fasste sie sich entsetzt an die Kehle und quetschte heraus: „Die Lüftung ist aus?“, bekam Schnappatmung und behauptete: „Ich krieg keine Luft mehr.“ Das Publikum lachte leise und mit überlegenem Unterton. Sie presste heraus: „Und wir alle hier zusammen …“, und blickte in die große Aula und auf die vielen Menschen, die ebenfalls Atemluft brauchten. „Das ist meine letzte Show“, stellte sie fast sachlich fest. Dann lachte sie dreckig auf, zeigte auf einen Zuschauer in der ersten Reihe, stellte sich in sein Blickfeld und rief hämisch: „Und das ist das Letzte, was du siehst! Ha ha ha!“ Das Publikum hatte großen Spaß.
Angewidert erklärte sie, warum Geige, Cello, Posaune und Tuba fürchterliche Instrumente sind, und griff dann zu ihrem Akkordeon, das wartend auf einem Stuhl stand. „Ich hab immer den Apparillo vor der Brust“, erklärte sie und begann ein Medley mit Hits aus Volkmusik, Schlager und Rock. Die Finger der Akkordeonistin flogen gekonnt über die Tasten, und nicht nur, dass sie als musikalische Alleinunterhalterin jeden runden Geburtstag und andere Festlichkeiten ausgezeichnet unterhalten könnte, es war auch zu hören, dass sie weit mehr konnte. Sehr klasse! Das Publikum klatschte mit, einige machten sogar Schunkelbewegungen und die Stimmung war super.



Resolut und charmant erzählte, erklärte und belehrte die Signora von ihrer erhöhten Bühne aus und hatte auf alles eine Antwort. Manchmal verdrehte sie Wörter oder war so quer neben der Spur, dass es urkomisch wurde. Ihre Energie schien unerschöpflich. Immer wieder nahm sie Kontakt zum Publikum auf. Sie wandte sich an einen Mann in der ersten Reihe. „Hömma!“ Der versuchte sich unsichtbar zu machen, indem er konzentriert zur Seite blickte. La Signora ließ nicht locker und sagte höhnisch: „Man setzt sich in die erste Reihe und denkt, man wird nicht angesprochen!“ Gnadenlos fragte sie nach: „Als du heute Morgen aufgestanden bist, was hat dir da wehgetan?“ Nach einigem Nachdenken kam als Antwort: „Die Ferse.“ Sie fragte mitfühlend nach, welche Ferse und ob die andere auch, wirkte ehrlich interessiert, schloss dann aber laut mit: „Ferse??? Watt stimmt bei dir nicht?“ Zwei andere Angesprochene in der ersten Reihe berichteten auf Nachfrage von „Hüfte, links“ und „Hüfte links, kurz vor der OP“. Scheinbar interessiert ließ sie sich berichten und stellte dann genervt fest: „Man hat mir nur die Lahmen und Kranken geschickt!“
Ihre Ruhrpottschnauze war direkt und ihre Kommentare oft ruppig, aber sie hatte auch ein Ruhrpottherz, das alles abmilderte und sie sofort ungefährlicher wirken ließ. Wie spöttisch und schadenfroh sie auch sein konnte, sie spielte nur und es blieb lustig. „Hast du noch Luft zu viel?!“, pöbelte sie einen Zwischenrufer an und wies damit gleich nochmal auf die abgestellte Lüftung im Saal hin. Und zu einem anderen: „Ich trenn euch gleich, ihr beide! Ihr geht mir sowieso schon auf’n Sack!! Da kommste gleich hier vorne neben die Hüfte!“ Dann gab es ein kurzes, strahlendes Lächeln von ihr und hinter der gestrengen „La Signora“ blinzelte für einen Augenblick die freundliche Carmela de Feo hervor. Mehrfach betonte sie, dass sie auf der Suche nach einem Mann sei. Der sei ihr per Vertrag für diesen Abend versprochen worden, verriet sie, stieß aber sofort erschreckt aus: „Hoffentlich nicht der mit der Ferse!“ Das Publikum reagierte auf ihre Pöbeleien fröhlich mit: „Ho ho ho!“ und auch die „Ferse“ und die „Hüften“ lachten gut gelaunt mit.
Das Tempo blieb hoch und es gab immer wieder überraschende Wechsel. Gerade lächelte sie noch charmant, da lachte sie schon wieder dreckig, gab einen spitzzüngigen Kommentar und guckte boshaft. Ihre Gedanken flitzten und die Improvisationen waren genauso schnell, schlau und witzig wie ihre vorbereiteten Texte. Ich könnte ihr einen ganzen Abend lang nur mit ihren Improvisationen und der Interaktion mit dem Publikum zusehen, dachte ich zwischendurch höchst vergnügt. Dazwischen sang sie, tanzte und spielte auch wieder Akkordeon. Erstaunlicherweise wechselte sie auch ihr Alter ständig. Mal sprang sie singend und tanzend, leichtfüßig, jung und strahlend über die Bühne und hatte beim Singen eine junge, helle Stimme, unmittelbar danach war sie eine gebeugte, ältere Italienerin, die sich mühsam und ein wenig humpelnd bewegte und höhnische Bemerkungen machte. Es ging Schlag auf Schlag und es machte großen Spaß.



Am Ende ihres Abends verbeugte sie sich und es gab viel und lauten Applaus. Das Publikum war begeistert. Aus dem Zuschauerraum kam ein Herr über die Treppe auf die Bühne, der vermutlich mit dem „Kulturkreis“ zu tun hatte und einen Strauß Blumen brachte. Als er bei ihr ankam, nahm sie ihm freudig die Blumen ab, rief laut: „Ja, ich will!“ und strahlte glücklich ins Publikum. Großes Gelächter und schon wieder Applaus.

Was für ein lustiger Abend mit der spitzzüngigen, geistreichen und sehr komischen La Signora. Großartig! Dass mir nicht ganz klar wurde, was das mit dem Teich und der Froschkönigin zu tun hatte – geschenkt. Mehr Spaß hätte ich nicht haben können.
Nachtrag: 100 Jahre früher, im Jahr 1926, hätte Carmela de Feo mit ihrem blitzenden Geist, ihrem frechen Mundwerk und dem Akkordeon perfekt ins Kabarettleben der 20er Jahre in Berlin gepasst:
