Berichte

Purple Schulz – Ich hab nicht ewig Zeit – Geburtstagsedition – 25.09.2026 – Köln

Kulturkirche, Köln-Nippes

Andere Leute laden an ihrem 70. Geburtstag Familie und Freunde ein, sitzen nachmittags mit Kuchen oder abends am Buffet und feiern in weitgehend privatem Kreis. Purple Schulz machte am Jubeltag ein Geburtstagskonzert in der Kulturkirche für Familie, Freunde und Fans. Es sollte Gäste geben, und auch die neue 3er-CD – „Ich hab nicht ewig Zeit – Fünf Jahrzehnte in Liedern und Raritäten“ -, eine Werkschau mit für Purple wichtigen Liedern und bisher Unveröffentlichtem, kam an seinem Geburtstag raus. Kaum war der Konzerttermin bekannt, waren die Karten blitzschnell verkauft. Im Vorfeld bat Purple noch dringend, bloß keine Geschenke zum Konzert mitzubringen, weil der Tourbus bis zum Rand voll sei. Das schloss auch jede Überlegung aus, den Abend mit einer zwölfstrophigen Umtextung von „Am Brunnen vor dem Tore“ zu „Der Purple wurd‘ geboren …“, verteilten Textzetteln und einem gemeinsamen Gesangsbeitrag von Seiten des Publikums aufzulockern. Zum Glück.

Die Kulturkirche in Köln-Nippes mochte ich. Es war ein schöner Ort, zu dem mir sofort einfiel, dass die Atmosphäre dort sehr gut und die Stimmung bei Konzerten toll war, dass die Kirchenbänke eng waren, dass auf den schrägen Gebetsbuchablagen die Gläser nicht abgestellt und erst vorsichtig abgelegt werden konnten, wenn sie schon fast leer waren – und dass es in Nippes keine Parkplätze gab. Das heißt, es gab welche, aber die waren im Regelfall belegt. Eine halbe Stunde vor Beginn des Einlasses zog sich vor dem Tor der Kulturkirche schon eine lange Warteschlange weit über den Bürgersteig entlang. Es waren keine kreischenden Teenies, sondern weitgehend Menschen, die mit der Musik von Purple aufgewachsen und darum in ähnlichem Alter wie das Geburtstagskind waren. Die stellten sich ordentlich an und kreischten nicht. Manche sahen allerdings so gut gelaunt aus, als würden sie es gerne. Auf der Straße kreisten unermüdlich Autos auf der Suche nach einem Parkplatz.

Endlich ging der Einlass los und die Besucherschlange wanderte in kleinen Schritten über den Innenhof zur Kirchentür. „Haste gesehn? Stoppok!“, raunte es plötzlich, während Stoppok grinsend und so schnell, dass er nicht festgequatscht werden konnte, quer durch die Schlange lief und in der Kirche verschwand. Auch Jördis Tielsch kam vorbei und hielt sich beim Ausruf: „Die Jördis!“ eine Hand schräg vor das Gesicht, um weniger erkannt zu werden – wofür es schon zu spät war -, und eilte ebenfalls schnell vorüber. Damit waren „Stoppok“ und „Jördis“ als Gäste beim Konzert schon ziemlich sicher.

Die Kirche wurde sehr voll. Nicht alle Besucher fanden einen Sitzplatz, viele setzen sich an den Rand auf Notbänke, hatten manchmal eine durch Säulen eingeschränkte Sicht oder standen. Durch die bunten Kirchenfenster kam noch ein wenig helles Licht, was sehr schön aussah. Auf der Bühne, die der leergeräumte Altarraum war, war auf einer Leinwand ein Kinderbild von Purple zu sehen. Was für ein süßer Junge! Und so brav!

Das Licht ging aus, das Publikum machte freudig: „Huh!“ und klatschte los. Es kam aber niemand und das Klatschen hörte wieder auf. Aber eine Diashow begann. Purple als Kind, als Jugendlicher, als früher Musiker, als später Musiker und mit Eri, mit Eri, mit Eri und Kindern – eine Zeitreise, die Privates und Berufliches nicht strikt trennte, so wie das bei Purple eben war. Dazu gab es Musik, die klassisch klang, aber anscheinend ein Medley aus Purpleliedern war. Ich erkannte „Du hast mir gerade noch gefehlt“ und „Schöne Leute“, hörte aber nicht sehr konzentriert hin, denn die Bilder waren so schön und liefen schnell durch. Manchmal gab es bei einem Foto leises Gelächter, manchmal lautes. Es war ein schöner, berührender Einstieg, der so auch auf einer privaten Geburtstagsfeier hätte laufen können.

Als Purple danach kam, wurde er mit lautem, langen Klatschen begrüßt. Er rief: „Das geht alles von Ihrer Zeit ab!“ und grinste: „Habt ihr alle einen Parkplatz gefunden?“, was Gelächter auslöste. Ach, die Parkplätze. Vermutlich kreisten einige Autos mit potentiellen Konzertbesuchern noch immer.

Ehe er weitermachen konnte, startete in einer Kirchenecke ein „Happy birthday“-Ständchen, das schnell auf alle Kirchenbänke und Stehplätze übergriff und erstaunlicherweise ziemlich gut klang. Ohne ging es wohl nicht, aber es war kurz und störte nicht. Als es durch war, sagte Purple: „Was für ein Jahr! Es ist viel passiert und ich bin 40 Jahre mit meinem Schatz zusammen, mit meiner Eri.“ Das gab Sonderapplaus für Eri. Viele Fans kannten sie, weil sie meist den Artikelstand betreute und durch ihre herzliche und offene Art die Herzen gewann. Purple erwähnte, dass er vor siebzig Jahren – um 17 Uhr 30 – geboren worden war und stellte fest: „Jetzt bin ich hier. Das erste Mal mit 70 auf der Bühne!“ Da hatte er recht, denn am Vorabend war er noch 69 gewesen, und das gab schon wieder Applaus. Er wirkte aber gar nicht 70 und war quirlig und schnell wie immer.

Der Gitarrist Norman Keil, der ihn seit diesem Jahr bei Konzerten musikalisch begleitete, kam auf die Bühne und war ziemlich groß. Als er sich auf seinen etwas höheren Hocker setzte, war er etwa in gleicher Kopfhöhe wie der stehende Purple. Der Opener des Konzertes war „Ohne mich“, zu dem Purple ansagte: „Das spiegelt ganz gut meine Ungeduld wider im Jahr 1985.“ Norman spielte Gitarre, Purple saß am Keyboard – es war viel Musik im Raum. Weiter ging es mit „Wir haben alle was zu sagen“, das Purple im Jahr 2008 zusammen mit seinem Sohn Ben geschrieben hatte. Vom Publikum gab es nach beiden Liedern viel Applaus.

Purple erzählte, dass er sich im Alter von 63 eine Harpejji zugelegt hatte. Das war ein elektronisches Saiteninstrument mit sehr vielen Saiten, das auf den ersten Blick einer Zither ähnlich sah. Er holte sie nach vorne und erklärte kurz, wie man auf ihr spielt.

Dann begann „Nur mit dir!“ mit Norman an der Gitarre und Purple an der Harpejji. Um mich herum wurde der Text leise mitgesungen, vor allem die sich wiederholende kurze Refrainzeile „Nur mit dir“, die dann noch mehr Leute auswendig konnten. Die Stimmung war sanft und schön, das Lied und das Mitsingen auch. Vor mir sah ich über den Kirchenbänken sich im Rhythmus leicht hin und herbewegende Köpfe. Plötzlich rief Purple: „Könnt ihr alle den Text?“ und ab da wurde das „Nur mit dir“ deutlich lauter mitgesungen.

Nicht schlimm, aber ein bisschen schade war, dass der reichhaltige Klang der Harpejji etwas im Gitarrenklang verlorenging. Wenn die Harpeij alleine spielte, war zu hören, wie unfassbar viele Töne dort gleichzeitig rauskamen. Da ihr Klang aber auch sehr gitarrenähnlich war, schien es, als gingen die meisten Töne von Norman und seiner Gitarre aus. Eventuell könnte Norman während eines Harpejji-Einsatzes zur Begleitung Blockflöte spielen, um die Klänge besser trennen zu können. Nur ein Vorschlag. Kein ernsthafter. Am Ende gab es viel Applaus, das Publikum war begeistert.

Über seine langjährige Sendung „Songpoeten“, die Purple bei WDR4 moderiert hatte, hatte er Jördis Tielsch kennengelernt. Sie hatte ihn dann zwei Jahre lang bei den Konzerten begleitet. Jetzt kam sie und wurde mit viel Applaus begrüßt, denn die meisten Fans kannten sie. Sie sang sie ihr eigenes Lied „The River is Me“, hatte eine warme und volle Stimme, spielte Keyboard und wurde begleitet von Purple an der Harpejji. Das ergab einen runden Klang.

Am Ende wurde vom Publikum gejubelt. Jördis stand auf und nahm eine Gitarre, Purple wechselte zum Keyboard. Dort suchte er erstmal sein Mikrofon. Bei verschiedenen Gästen und Instrumenten gab es diverse Mikrofone, die zum Teil speziell auf einzelne Stimmen eingestellt waren. In klagendem Ton rief er: „Ich muss auf so viele Dinge achten!“ und erklärte: „Wenn ich heute etwas vergesse, ist das meinem Alter geschuldet.“ Aber dann waren sie soweit – alle Mikrofone da, Jördis an der Gitarre, Purple am Keyboard. Zusammen sangen sie „Jeder hat ein Geheimnis“. Der Text begann mit: „Die Frau, die alles hat, der Mann, der alles kann“, woraufhin Purple schnell und grinsend einwarf: „Das ist kein Lied über uns!“

Jödis wechselte zwischendurch zur Geige, die einen sehr schönen Klang brachte, musikalisch wurde es immer drängender und war schließlich in der Fülle fast wie ein Orchester. Sehr beeindruckend. Es gab viel Applaus.

Jördis ging ab, Norman kam zurück. Purple zählte auf, dass er seit 40 Jahren verheiratet war, drei Kinder, fünf Enkel und sogar schon zwei Urenkel hatte. Das Publikum applaudierte anerkennend. Er schob hinterher: „Das heißt für mich, ich muss jeden Abend mit der Uroma ins Bett!“ Das gab Gelächter. Er wurde wieder ernst: „Kinder sind unserer Zukunft. Kinder waren immer ein Thema bei Eri und mir. Es gibt einen Song und der geht so…“ Die ersten Töne der Harpejji erklangen, Norman stieg mit der Gitarre ein, im Publikum gab es freudige Reaktionen, denn das Lied wurde sofort erkannt – da brach Purple ab, guckte auf den Boden: „Ach so“, schob mit dem Fuß das Fußpedal herum und jammerte: „Es ist immer etwas.“ Er grinste über seine Bewegungen: „Fußballett“, begann erneut und unterbrach schon wieder. „Ich muss die Lautsprecher lauter stellen“, stöhnte er und lief noch einmal hin und zurück. Aber dann konnte es losgehen mit „Ich hab Feuer gemacht“. Im Publikum wurde der Refrain sofort mitgesungen, und Purple rief rein: „Ihr könnt gerne mitklatschen!“, woraufhin auch laut im Rhythmus geklatscht wurde. Die Kirchenbänke dröhnten und wackelten im Bass- und Taktrhythmus. „Habt ihr schon Lust, zu singen?“, rief Purple, sang vor: „Lalalala“, und weil das ein schnell zu lernender Text und zudem die Melodie eingängig war, wurde laut mitgesungen. Was für eine Stimmung! Der anschließende Jubel war groß.

Danach suchte Purple schon wieder etwas bei seinen Sachen. „Ich muss mich ein bisschen vorbereiten“, erklärte er und grinste: „Senioren-Memory – wo habe ich was hingelegt?“ Es handelte sich um einen Spickzettel auf dem Handy. „Den brauche ich, denn der Text ist von einer anderen Künstlerin“. Er befestigte das Handy in einer Halterung am Harpejji-Ständer, guckte drauf, murmelte ablesend: „Notruf“, und das Publikum lachte vergnügt los. Er fingerte erneut am Handy herum, warf einen kritischen Blick darauf und stellte fest: „Jetzt ist es auf dem Kopf“. Es war eine kleine Comedynummer, die ganz ungeplant, aber sehr lustig war. Vor allem war sie nachvollziehbar. Purple löste das Handy, drehte es und befestigte es erneut. „Ich warne davor, 70 zu werden!“, riet er, während er herumfummelte.

Als das Handy vorbereitet war, kündigte er einen „ganz besonderen Moment“ an. Ebenfalls bei den „Songpoetensendungen“ kennengelernt hatte er die Musikerin CATT. Sie setzte sich ans Keyboard und bedankte sich erstmal bei ihm: „Danke, für das Herz, das du in die Welt bringst, die Liebe, die du bringst. Dass du unterschiedliche Menschen zusammenbringst.“ Purple war gerührt.

CATT sang „Sea“, ein Lied von ihr über das Meer, spielte dazu Keyboard und Purple spielte Harpejji und sang eine zweite Stimme. Das Lied war ruhig, leicht und fließend, was CATT auch mit ihrer Stimme unterstützte. Es war ein bisschen wie ein schöner Traum vom sanften Meer.

Purple, der seinen Text-Spickzettel und die Harpejji mit den gefühlt 100.000 Tönen vor sich hatte, verspielte sich hin und wieder. An manchen Stellen hörte es sich kurzzeitig an, als würden zwei verschiedene Lieder gleichzeitig ablaufen. Das war bei der träumerischen Atmosphäre des Liedes gar nicht so schlimm, aber nicht gewollt. Purple entschuldigte sich danach: „CATT ist wie aus einem isländischen Geysir. Das macht mich ganz wuschig.“

CATT verließ unter Applaus die Bühne und Norman kehrte zurück. „Aaah, da isser wieder!“, stellte Purple freudig fest. Er blickte ins Publikum und sagte: „Mann, ist das schön hier! Wenn ich mich umsehe, stelle ich fest, wir sind ja alle im gleichen Alter.“ Da Purple überhaupt nicht wie 70 wirkte, kam das schon hin. Vermutlich saßen auch einige Leute im Publikum, die jünger waren, aber älter wirkten.

Als nächstes Lied war „Die Liste“, dran, ein Lied von Norman, bei dem Purple am Keyboard begleitete. Bevor es losging, schlug Norman vor: „Beim Wort „hoch“ hebt ihr alle die Arme hoch!“ und setzte hinterher: „Ich möchte überhaupt keinen Druck aufbauen, aber es hat bisher immer funktioniert!“ Das Publikum lachte fröhlich. Und natürlich klappte es sehr gut. Das Wort „hoch“ kam ziemlich oft vor und die Bewegung war besonders für Senioren, die schon lange in engen Kirchenbänken saßen, sehr gut, fand ich. Der Kreislauf kam gut in Schwung. Sitzgymnastik mit Musik und sehr guter Laune.

Purple legte danach Norman einen Arm um die Schulter, was gut klappte, weil Norman immer noch saß, und sagte über seinen Gitarristen liebevoll: „Ich habe mich mit Norman sofort gut verstanden. Auf ihn kann ich mich verlassen.“

Er fügte an: „Wir brauchen Konstanten. Meine Konstante ist mein Schatz Eri. Ohne sie wäre ich gar nicht mehr auf der Bühne.“ Es war immer wieder zu merken, wie wichtig ihm Eri war, was sehr schön war. Er kündigte an: „Der Song „Wege“ hat nur drei Akkorde und ist kein Blues. Kann man sich gar nicht vorstellen“, dann kam Eri auf die Bühne und sang mit ihm. Sie blieb dabei neben Purple stehen und beugte sich zu seinem Mikrofon am Keyboard herunter. Ihre Stimme war sanft und leise, sie fühlte sich sichtlich ein wenig unsicher, zog es aber lächelnd und mutig durch. Es war sehr berührend, die beiden dort zusammen zu sehen. Was für eine vertraute Einheit und was für ein tolles Team!

Es gab viel herzlichen Applaus, die beiden gaben sich einen langen Kuss, dann ging Eri wieder ab. Purple kündigte einen weiteren Höhepunkt des Abends an: „Die Pause! 25 Minuten.“ Er blickte auf die Uhr und erschrak: „Oh, das ist schon ganz schön spät! Schaffen wir es in 12 Minuten?“ Ich dachte nur: „Niemals“, aber er war das Geburtstagskind und durfte sich das natürlich wünschen. Vermutlich war ihm aber selber klar, dass man nicht alles bekommt, was man sich wünscht.

Pause. Die Kirche war voll. Es ging durch den Mittel- und die Seitengänge nur langsam und mühsam raus, überall war es verstopft. Die Schlange vor der Theke sowie die vor der einzigen Toilette in der Kirche waren nicht nur lang, sondern schienen auch überhaupt nicht kürzer zu werden. Im Hof sollte es wohl noch zwei Dixiklos geben. Nach guten zwanzig Minuten ging das Programm weiter, da saßen noch nicht wieder alle Leute und vor der Toilette gab es immer noch eine Schlange.

Purple kam und erklärte gleich: „Wir haben das Programm umgestellt. Aus Zeitgründen. Ich habe zu viel gequatscht.“ Mit Norman spielte er „Gib mir!“, ein Lied, das, wie er erklärte, drei Jahrzehnte alt war und das er noch nie in so kleiner Besetzung gespielt hatte. Die junge Stimme von Purple ließ es allerdings auch jetzt nicht altern. Jördis kam danach dazu, sang und spielte Geige zu „Pass auf!“, das ein noch relativ neues Lied von 2024 war.

Purple kündigte den nächsten Künstler an. „Die Ansagen sind so geil. Sie machen, dass das Konzert eine epische Länge bekommt.“ Das konnte nur Stoppok sein! Er kam in einem bunten Anzug auf die Bühne und wurde von großem Applaus begrüßt. „Ich brauche ein Mikrofon“, sagte er und blickte sich suchend um. Purple suchte auch, erzählte dabei aber von einem gemeinsamen Konzert, der „Gemeinsamen Sache“ im Jahr 2004. Dort war Stoppok eine Gitarrensaite gerissen, und ganz unerwartet war Pe Werner aus dem Publikumsbereich nach vorne gekommen, um für ihn eine neue Saite aufzuziehen. Stoppok fragte interessiert in den Saal: „Ist Pe heute hier?“, eindeutig in der Absicht, sie bei Saitenproblemen auf die Bühne zu bitten. Vermutlich war sie aus diesem Grund nicht da. Zumindest meldete sie sich nicht.

Purple blickte Stoppok an und stellte anerkennend fest: „Du bist am besten angezogen!“ Dann machte er sich weiter auf die Suche nach einem Mikrofon für ihn und lief dabei hin und her über die Bühne. Stoppok sagte grinsend: „Das passiert, wenn man sich nur um die Technik kümmert. DU bist nicht so gut angezogen.“ Das Publikum hatte viel Spaß. Endlich hatte Purple einen passenden Ständer mit Mikrofon gefunden, trug ihn über die Bühne und stellte ihn sorgfältig vor Stoppok auf. Der sah ihm zu und kommentierte lässig: „Der Jubilar stellt mir hier das Mikrofon hin.“

Purple begab sich zum Keyboard und Stoppok sagte grinsend: „Das ist ja hier auch Kindergeburtstag. Purple ist ja ein halbes Jahr jünger als ich.“ „Mal dein Herz an“, von Stoppok und von ihm mit dieser wunderbar brüchigen Stimme gesungen, war sehr, sehr schön. Purple am Keyboard, Stoppok und Norman an den Gitarren, Jördis und CATT in den Refrains mehrstimmig als Begleitung – wunderbar. Dann griff Jördis zur Geige und gab den schönen, warmen Klang dazu, und CATT griff plötzlich zur Trompete und spielte wirklich sehr gut. Das gab Zwischenapplaus. Die gesamte musikalische Begleitung hörte sich dicht, voll und sehr gut an. Das machte auch den Musikern auf der Bühne Spaß.

Am Ende jubelte das Publikum laut, und bis auf Purple und Norman gingen alle schnell und unkompliziert ab. Schon wieder sortierte Purple die Mikrofone und jammerte: „Ach, was wir hier alles überprüfen müssen! Und die Zeit rennt.“ Dann kündigte er an: „Wir haben einen Song, der darf an einem Abend wie heute nicht fehlen: „Nimm es mit““. Nach dem lauten und vollen Knallereinsatz davor, war das jetzt wieder ein ruhiges, besinnliches Lied. Wunderschön.

Im Applaus hob Purple eine Bierflasche und sagte: „Senioren müssen viel trinken“ und trank einen Schluck. Er zeigte die Flasche vor und erklärte: „Es ist ein Pils“, woraufhin in Köln natürlich sofort Proteste zu hören waren. Das war Purple aber egal. Er erklärte: „Ich bin viel unterwegs. Es gibt in Deutschland eine gute Braukultur.“ Grinsend ergänzte er: „Kölsch ist nicht unbedingt das Beste.“ Schon wieder gab es Empörung im Publikum und es waren entrüstete „Ooooh!“ zu hören. Der Techniker protestierte auf seine Art und knipste das Bühnenlicht komplett aus. Das gab Gelächter. Nach wenigen Sekunden ging das Bühnenlicht wieder an, Purple grinste breit und sagte in rheinischem Tonfall: „Aber isch trau misch was!“

Er erzählte von seiner früheren Klavierlehrerin, bei der er Etüden von Bach kennen- und lieben gelernt hatte. Auf dem Keyboard begann er mit Bachs „Präludium in C-Dur“, dessen Auf und Ab der sanften Läufe träumerisch und schön klang. Norman stieg sanft mit der Gitarre ein, dann begann Purple, weiterhin Präludiumläufe spielend, sanft zu singen: „Vor ’nem halben Jahr kamst du durch diese Tür …“ Das Präludium und die erste Strophe von „Kleine Seen“ passten in diesem langsamen Tempo wunderbar zusammen. Im Publikum wurde der Text leise mitgesungen, wobei hauptsächlich Frauenstimmen zu hören waren. Beim ersten Refrain wurde es dann poppiger und schnell, das sanfte Präludium wurde zurückgelassen und es war wieder Purple da mit „Kleine Seen“ und einem mitklatschenden, mitsingenden, feiernden Publikum. Am Ende gab es Gejohle und begeisterte Pfiffe.

Auf der Bühne sollte das nächste Lied beginnen, stattdessen gab es plötzlich Aufregung. „Der Stoppok ist weg?“, fragte Purple anscheinend fassungslos. „Der Stoppok ist weg? Was machen wir jetzt?“ Doch er hatte die Lösung parat: „Es gibt nur einen, der das jetzt machen kann: Die Stimme Kölns – Tommy Engel!“ Unter großem Jubel kam der auf die Bühne. Schon wieder stellte Purple Mikrofonständer um und Tommy Engel, der das Mikrofon aus der Halterung lösen wollte, kommentierte genervt: „Dat sin widder die scheiß Ständer!“, woraufhin Purple mahnend sagte: „In deinem Alter solltest du das nicht zu laut sagen!“

Tommy Engel blickte auf den ähnlich großen Purple und erklärte: „Wir sind nicht allzu groß.“ Das war die perfekte Hinleitung zu Randy Newmans Lied „Short People“, für das er den kölschen Text „Klein Minsche“ geschrieben hatte. Jürgen Fritz, der Keyboardbegleiter von Tommy Engel, kam auf die Bühne sowie CATT mit ihrer Trompete. Jürgen Fritz und Tommy Engel waren seit vielen Jahren musikalisch verbunden und sahen sich – wie ein altes Ehepaar – inzwischen verblüffend ähnlich. Beide hatten längere weiße Haare und einen weißen Bart. Nur in der Größe waren sie sehr unterschiedlich.

Mit viel passender Mimik und großem Spaß sangen Purple und Tommy das sehr gemeine, aber sehr lustige Lied über „klein Minsche“ (kleine Menschen), die „sin echt fiese“ (sind gemein/unangenehm), „se han klitzeklein zäng“ (sie haben winzigkleine Zähne) ,“se traache huhe Absätz“ (sie tragen hohe Absätze), „han kleine Nase und furschbar kleine Fööss“ (haben kleine Nasen und furchtbar kleine Füße) und machen beim Sprechen nur „piep, piep, piep.“

Es war sehr lustig und das Publikum reagierte begeistert und klatschte und johlte im Anschluss. Tommy Engel ging unter Jubel ab, CATT und Jürgen Fritz gingen auch, und Purple blickte zu Norman und stellte fest: „Da fehlt doch noch einer.“ Er rief laut: „Stoppi, wo bist du?“ und der kam auf die Bühne und suchte schon wieder nach einem passenden Mikrofonständer. In der Kirche gab es erneut fröhliches Gelächter. Es war wie ein Running Gag, aber es war echt. Zu dritt begannen sie „Verliebte Jungs“, nach zwei Zeilen brach Purple ab und erklärte: „Ich fang nochmal an. Wir sind völlig falsch.“ Aber dann ging es ab. Auch im Publikum.

Unter großem Jubel ging Stoppok danach ab, den Mikrofonständer behielt er in der Hand und trug ihn mit raus. Schlau. Purple sang los: „Ein Fingerschnipp von dir genügt“, und im Publikum wurde sofort laut mitgesungen. „Du hast mir gerade noch gefehlt“ war ein Klassiker, und das Publikum stand, feierte und machte eine Menge Videos.

Purple und Norman gingen unter großem Gejubel ab, und sofort startete rhythmisches Klatschen, um sie zurückzuholen. Die Chancen standen gut.

Inzwischen war es vier Minuten nach 22 Uhr. Die Konzerte in der Kulturkirche sollten um 22 Uhr beendet sein, weil das Gebäude mitten in einem Wohngebiet lag. Purple blickte auf die Uhr und sagte eilig: „Jetzt wird es eng! Jetzt müssen wir echt Gas geben!“ Er griff zur Mundharmonika und sagte: „Noch ein Stückchen. Den Song, den ich seit über 40 Jahren spiele. Ich bin ihn nie leid geworden.“ Es gab vorfreudigen Applaus, denn das konnte nur „Ich will raus“ werden. Die klagenden Mundharmonikatöne gingen durch das Kirchenschiff und bis zum letzten Schrei „Ich will raus!“ blieb das Publikum gebannt dabei. Immer wieder großartig.

Nach dem großen Jubel und Applaus war Purple sichtlich gerührt. „Ich habe den Abend wirklich genossen. Ihr habt mir eine große Freude gemacht.“ Jördis und CATT kamen auf die Bühne, und Purple sagte eindringlich: „Wir müssen in diesem Land miteinander reden und keine Mauern aufbauen. Im Grunde geht es am Ende doch nur um eins …“ Es gab einige kurze Akkorde, dann begann er zu singen: „Immer nur leben“ und warf kurz ein: „Und leben lassen!“ Jördis spielte ihre wunderbare Geige dazu, CATT hatte diesmal eine Posaune, die sie ebenfalls wunderbar spielte – was für ein schöner, ungewöhnlicher Klang mit dieser Instrumentenzusammenstellung und dazu Purples Stimme! Dass Lied war ja sowieso eines meiner Lieblingslieder.

„Normalerweise ist der Abend hier zu Ende“, sagte Purple. Und während Jürgen Fritz und Tommy Engel auf die Bühne kamen, und Stoppok und Eri folgten, so dass es voll und eng wurde, sagte er: „Aber an meinem Siebzigsten erlaube ich mir, noch einen Song zu spielen.“ Das konnte das erfreute Publikum nur mit lautem Applaus unterstützen.

Als Finale gab es „In uns’rem Veedel“, den Klassiker von den Bläck Fööss, eine der Hymnen Kölns. Wir toll! Drei Legenden – Purple Schulz, Tommy Engel und Stoppok – und „In uns’rem Veedel“, das ebenfalls eine Legende war. Purple und Tommy sangen den Text, Stoppok, vermutlich wegen unzureichender kölschen Sprachsicherheit – nicht. Er spielte lächelnd Gitarre. Dafür sangen im Publikum viele mit.

Im großen Abschiedsjubel war das Geburtstagskind Purple sehr glücklich und gerührt. Und jetzt fertig. „Ich bin seit sechs Uhr auf. Ich war so nervös“, gab er zu und strahlte dabei.

Finale mit (von links) Norman Keil, Jördis Tielsch, CATT,
Tommy Engel, Stoppok, Jürgen Fritz, Eri und Purple Schulz

Alle gingen ab, als letzter Purple unter Standing Ovation und viel Applaus. Was für ein schönes, herzerwärmendes Konzert, das auch eine gemeinsame Geburtstagsfeier mit Purple war.

Wir gingen zum Auto – in 15 Fußminuten Entfernung hatten wir überraschend einen Parkplatz in langen Reihen zugeparkter Seitenstreifen gefunden. Auf der Rückfahrt stellten wir fest: „Wenn auf irgendjemanden der Begriff „Coolness“ passt, dann auf Stoppok.“ Fast schon zuhause drehten wir das Autoradio an und hörten Purple singen: „Ich will raus!“ Das war etwas verblüffend und verwirrte uns im ersten Moment, denn das hatten wir eben doch erst live gehört … wieso … häh? Es lief aber tatsächlich gerade zufällig im Nachtprogramm von SWR, einem Sender, den wir ebenfalls nur zufällig drin hatten. Es sollte wohl so sein und war der perfekte Abschluss des Abends.