Berichte

Kabarettistischer Jahresrückblick 2004 – 14.12.2004 – Berlin

Mehringhof-Theater

Das Jahresendzeitprogramm mit
Horst Evers, Manfred Maurenbrecher, Bov Bjerg, Hannes Heesch, Christoph Jungmann

Seit ich im Jahr 2001 Horst Evers zum ersten Mal beim Vorlesen seiner Geschichten zuhörte, wollte ich gerne nach Berlin zum ‘“Mittwochsfazit’“. Das fand jeden Mittwoch mit seinen Kollegen Manfred Maurenbrecher und Bov Bjerg statt. Aber Berlin war weit weg. Für mich. Berliner werden das anders sehen. Im Sommer 2004 konnte ich zufällig Manfred Maurenbrecher erleben und war schon wieder sehr begeistert. Und so fuhr ich im Dezember des Jahres nach Berlin. Nicht zum Mittwochsfazit, sondern zum „Jahresendzeitprogramm“, das von den drei Mittwochsfazitlern zusammen mit zwei weiteren Kollegen gemacht wurde. Seit einigen Jahren standen sie zum Jahreswechsel an einigen Terminen auf der Bühne, um einen satirischen Rückblick auf das vergangene Jahr zu werfen. Und jetzt war ich bei der Premiere 2004 dabei. In Berlin!

Das Mehringhof-Theater lag in einem etwas verwinkelten Kreuzberger Hinterhof und war für Neulinge nicht ganz einfach zu finden, auch wenn der Name groß über dem Tor stand. Es war schon dunkel, als ich ankam, und im Hof gab es die Möglichkeit, in verschiedene Richtungen zu gehen. Durch eine der Türen rein oder weiter um die Ecke oder die Treppe hoch oder was denn nun? Logisch denkend nahm ich den Weg mit dem meisten Licht, erwartete, irgendwann vor einer Privat-Wohnung zu stehen, landete aber im Theater. Keine Ahnung wie, aber gut gemacht. Im Saal gab es schwarz gestrichene, verwinkelte Wände, eine kleine, erhöht gebaute Bühne mit Klavier darauf und Stuhlreihen, die sich an einer Seite erstaunlich weit nach hinten zogen, während an der anderen Seite eine Theke den Abschluss des Raumes bildete. Alles sehr nett, freundlich und wohlfühlgemütlich. Die Atmosphäre der kleinen Theater mag ich sowieso gerne. Die Besucher fanden sich nach und nach ein und es wurde ziemlich voll.

Schlagartig ging zum Programmanfang das Licht aus und auf der erleuchteten Bühne erschien Manfred Maurenbrecher. Er sprach von einer Frau in der Politik, erwähnte ihren Charme und ihre Offenheit und kündigte an, dass er und seine Kollegen sie mit einem Lied ehren wollten. Er setzte sich ans Klavier und seine Kollegen kamen auf die Bühne. Während drei davon völlig normal angezogen waren, fiel Christoph Jungmann auf, der einen dunklen Hosenanzug mit Strassbrosche trug, eine halblange Perücke aufgesetzt hatte, weiche, weibliche Bewegungen machte und sofort an Angela Merkel erinnerte. Das Lied ging natürlich über Angela Merkel – dachte ich, aber dann war doch überraschend Gesine Schwan gemeint. Zur mitreißenden Melodie von ““Anita”“, früher mal gesungen von Costa Cordalis, sangen die fünf Herren freudig los und lasen den Text dabei von Textblättern ab, die vor ihnen auf dünnen Metallnotenständern lagen. Bis auf Herrn Maurenbrecher, der hatte seinen Text vor sich auf dem Klavier stehen. Das Publikum lachte locker und freudig sowohl über den Text, als auch über die Ernsthaftigkeit, mit der die Darsteller sangen. Und über die rollenden, großen Augen, die Horst Evers dabei machte.

Frau Merkel übernahm danach die Programmführung. Ich fand es sehr schön, mit wie wenig Aufwand Christoph Jungmann in diese Rolle schlüpfte. Kein großes Geschminke, keine aufwändige Kostümierung, einfach den Hosenanzug an, die stumpf geschnittene Kunstfrisur auf dem Kopf, ein verkniffenes Grinsen im Gesicht und mit hoher, gepresster, wenig modulierender Stimme gesprochen. Das war auf den Punkt getroffen. Und dabei wurde er nicht zur verzerrten Karikatur, sondern blieb eine menschliche, wenn auch ein wenig nervige Angela Merkel. Die Herren Kollegen, die sich inzwischen bequem in eine Sitzgruppe auf der Bühne zurückgezogen hatten, beobachteten ihn aufmerksam bei seiner Moderation, grinsten oft vergnügt oder lachten sogar laut los. Auch wenn sie vielleicht wegen der Premiere etwas nervös waren, hatten sie doch sichtlich gute Laune und waren in ihrer Gemeinsamkeit gut aufgehoben.

Während die Darsteller abwechselnd aufstanden und ihre eigenen Nummern präsentierten, fühlte ich mich oft wie ein zufälliger Zuschauer. Sie spielten das zwar für das Publikum, aber mindestens genauso auch für sich und hatten selber eine Menge Spaß. Wie fünf große Jungs, die sich an diesem Abend getroffen hatten, um sich gegenseitig eigene Geschichten vorzulesen und vorzuspielen. Die vier anderen hörten vergnügt zu und hatten oft strahlende Augen, wenn sie ihren Kollegen beobachteten. Das war schon eine Art Konkurrenzkampf, aber ein ganz netter, liebevoller. Jeder wollte zeigen, was er konnte, und wusste, dass die anderen das mit Freude und großem Interesse anhören würden. Eine sehr schöne, vertraut freundschaftliche Atmosphäre, die genauso positiv beim Publikum ankam, das ebenfalls locker und lächelnd reagierte.

Jeder der Darsteller hatte eine ganz persönliche Art, was die Vorträge sehr abwechslungsreich machte. Horst Evers las auf seine trockene, etwas distanzierte Art eine Geschichte über einen Kaffeeautomaten im Wartebereich eines Krankenhauses vor, und später über die Nöte eines Satelliten, der viel Arbeit mit den weiten Funkverbindungen bis zur Erde hatte und dann häufig Sätze zwischen Handys vermitteln musste, die lauteten: ““Ich bin gleich da, du müsstest mich schon sehen können.“”

Hannes Heesch war erst Müntefering, dann Schröder, dann sogar Gerhardt Delling und Günther Netzer im gemeinsamen Gespräch, Verteidigungsminister Struck und am Ende noch Gesine Schwan. Er verstellte seine Stimme, verzog die Mimik und war eine andere Person. Verblüffend! Überspitzt, aber klar zu erkennen.

Bov Bjerg war als Tagebuchschreiber ein liebenswerter kleiner Looser, der sich um den Posten des Bundespräsidenten bewarb und Flugzeugsitze bei Ebay kaufte, die er sich in den Flur stellte und sich vorstellte, damit nach Berlin zum Shopping zu fliegen. Total niedlich! Und seltsamerweise glaubte ich ihm sofort, dass er auch persönlich auf so eine Idee kommen würde.

Manfred Maurenbrecher sang mit gewaltiger Intensität seine Lieder zu eigener Klavierbegleitung. Seine Stimme dröhnte rau durch den Raum und die Texte erschufen sofort Bilder und Stimmungen in meinem Kopf. Das ist vielleicht das Besondere an ihm. Sein Auftreten am Klavier wirkt ungebändigt und heftig, und in seinen Texten kommen trotzdem die ganz feinen, sensiblen Stimmungen rüber. Auch in einer Rolle als “Herr aus Lichtenfeld” war die frei erzählte Geschichte typisch für ihn und im Vortrag fast wie ein Lied, nur eben ohne Klavier.

Christoph Jungmann war Angela Merkel und blieb es den ganzen Abend über, ohne aus der Rolle zu fallen. Mal nett, mal leicht aggressiv oder beleidigt, aber immer präsent und die Programmzügel fest in der Hand haltend. Er verhöhnte Angela Merkel nicht, war ihr aber erstaunlich ähnlich. Immer bemüht Stärke zu zeigen, Humor zu präsentieren, in Wahrheit aber ganz angespannt und verkniffen, immer auf der Hut, ob nicht einer von hinten ankam und Ärger machte. Ungeliebt, belächelt, bemitleidet und auf aussichtslosem Posten, den sie so lange wie möglich versuchen würde, fest zu verteidigen.

Ich fand alle fünf Darsteller klasse und hatte viel Spaß an ihrem Programm. Zwischendurch trafen sie sich, um gemeinsam ein Lied zu singen – natürlich immer von Textblättern abgelesen, was gut zur allgemeinen Vorleserei passte -, und ab und zu mäkelte Frau Merkel beleidigt herum, weil sie die Texte von Herrn Evers nicht ansagen durfte. Dann stichelte sie: „“Fangen Sie jetzt endlich an! Ihr Text ist ja bestimmt wieder ellenlang. Ich guck auf die Uhr! Los jetzt!”“

Herr Bjerg hatte von der Flugzeugsitz-Ersteigerung bei Ebay erzählt und zum Thema passend gab es eine Live-Versteigerung. Frau Merkel führte sie durch und bot zuerst eine Flasche Wein gegen Höchstgebot an. Ein Euro wurde geboten, dann zwei, dann zwei Euro fünfzig, woraufhin sie kategorisch erklärte, dass nur ganze Euroschritte angenommen würden. Als das Gebot bis auf 9 Euro angestiegen war und keine weitere Meldung kam, klopfte sie mit einem hölzernen Fleischklopfer auf den Tisch und fragte mit hoher Stimme hektisch die Kollegen: ““Wie machen wir das jetzt mit den Formalitäten? Das hab’ ich mir gar nicht überlegt.”“ Sie wandte sich an den Ersteigerer: ““Haben Sie die 9 Euro dabei?”“, und kassierte sofort. Dann fiel ihr noch ein, dass es eine Bewertung geben musste. Sie schlug unter dem Gelächter der Zuschauer als Bewertungstext vor: ““Der Käufer war toll!”“ Der wiederum wollte seine eigene Bewertung über den Kauf aber erst nach Öffnen der Flasche abgeben. Ein Kinder-Bademantel von Manfred Maurenbrecher’s Sohn ging danach für 2 Euro weg. „“Na, das is ja’ ’n Schnäppchen!”“, rief Frau Merkel und kassierte. Nur für das Buch ““Künstlerische Textilgestaltung”“ aus dem Jahr 1963 gab es erst keine Interessenten. ““Wer erbarmt sich?”“, fragte Frau Merkel ins Publikum und raunte laut vernehmlich nach hinten: ““Läuft nicht so gut, wie ich dachte!“” Außerdem war noch eine Weihnachtspyramide zu ersteigern. Die allerdings über die Homepage der Darsteller. So wie ich es verstanden hatte, konnte man Angebote ins Gästebuch schreiben, und am Ende sollte der Höchstbietende die Pyramide bekommen. Ich erkannte das Pyramidenmodell übrigens sofort, denn so eine hatte ich auch mal sehr preisgünstig gekauft. Made in Taiwan, oder so. Nix mit Erzgebirge. Bov Bjerg fragte von hinten aus der Sitzgruppe heraus: ““Haben Sie eigentlich schon eine Vorstellung, was Ihr Ostkarussell kosten soll? Eine Mindesthoffnung?“”, woraufhin Horst Evers entzückt grinste, das Wort „“Mindesthoffnung“” genüsslich wiederholte und spontan und ganz ehrlich begeistert als ““Schönes Wort!“” lobte.

In den meisten Beiträgen ging es ganz speziell um Themen des Jahres 2004, sei es um Frau Merkel und Frau Schwan, um Ebay, die Foltervorwürfe bei der Bundeswehr und Klaus Wowereit. Zur großen Freude vieler Zuschauer wurde auch die BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) gewitzelt. Dabei war ich als Besuchs-Berlinerin sehr angetan von der Übersichtlichkeit, der Schnelligkeit und Pünktlichkeit des innerstädtischen Verkehrssystems, das mir im Vergleich zur KVB (Kölner Verkehrsbetriebe) viel besser vorkam. Und es war billiger. Vielleicht sollten manche Berliner zu vergleichenden, innerstädtischen Fahrten mal nach Köln kommen.

Zum Abschluss des Abends durften die Zuschauer Gemälde raten. “Kunstwerke der Moderne, die das MOMA (Museum of Modern Art) in der Berliner Ausstellung nicht gezeigt hatte.” Unter der Moderation von Frau Merkel stellten die Kollegen einzeln oder als Gruppe Bildmotive nach, und nachdem es zunächst keine freiwilligen Rater im Publikum gab, weil alle Angst hatten, sich zu blamieren, kamen die Zurufe dann recht schnell, als die Bilder erstaunlich gut, wenn auch unter großem Gelächter, erkannt wurden. Es war ein sehr witziger und lockerer Programmpunkt, an dem sich das Publikum gerne beteiligte, als es sich als ungefährlich erwies. Außerdem war es lustig, dass Frau Merkel hektisch wurde und herumkommandierte, wenn zu viele Leute durcheinanderriefen und sie fürchtete, die Kontrolle zu verlieren. Eine Dame, die sich als besonders gut informiert erwies und oft löste, erhielt am Schluss den versprochenen Preis, zwei Freikarten.

Am Ende der Vorstellung fühlte ich mich sehr vergnügt, gut unterhalten und applaudierte laut und gerne. Es hatte sich gelohnt, nach Berlin zu fahren. Alle fünf Darsteller fand ich sehr gut, die Mischung des Programmes gelungen, und vor allem wird mir die liebevolle Atmosphäre auf der Bühne im Gedächtnis bleiben. Die freundliche Neugier auf das, was der andere bot, und die Offenheit, mit der die Freude darüber gezeigt wurde, wenn es gelungen war. Es fiel mir überhaupt nicht schwer, Christoph Jungmann als ““sie“” und “Frau Merkel” zu bezeichnen und lustigerweise konnte ich ihn mir gar nicht mit kurzen Haaren und männlichem Aussehen vorstellen. „Frau Merkel“ war so authentisch, dass sie überzeugte. Bov Bjerg fand ich sehr sympathisch, seine Geschichten schön und bei aller Komik auch sehr berührend, Hannes Heesch überzeugte mich durch wirklich gute, überspitzte Parodien, und Horst Evers und Manfred Maurenbrecher fand ich ja schon vorher total klasse.