Rainald Grebe – Ich erinnere mich, glaube ich – 17.03.2026 – Darmstadt
Darmstadt, Centralstation
Die kurze Konzerttour von Rainald Grebe hieß: „Ich erinnere mich – glaube ich“. An zwei aufeinanderfolgende Termine in Hannover und Bremen hatte er vor zwei Wochen gespielt, jetzt folgten an drei Tagen Darmstadt, Karlsruhe und Jena. Fünf Tourtermine, das hörte sich nach wenig an, aber in diesem Fall war es ein großes Ereignis. Nach vielen vorangegangenen Schlaganfällen, die Rainald seit 2017 immer wieder ausgebremst hatten, musste er im Oktober 2024 plötzlich alle weiteren Termine absagen, weil es ihn richtig heftig erwischt hatte. Es war nicht abzusehen, wie und ob es für ihn überhaupt auf der Bühne weitergehen würde. Dass er jetzt vorsichtig wieder starten konnte, war ganz wunderbar. Vor allem für ihn, fand ich, auch wenn ich mich als Zuschauerin selbstverständlich ebenfalls sehr freute.

Die Darmstädter Centralstation war ausverkauft. Von mir geschätzt waren etwa 400 Personen da, von denen viele, wie ich aus den Gesprächen ringsherum hören konnte, Rainald-Fans waren oder ihn zumindest schon kannten. Das Publikum war schon vor Konzertbeginn gut gelaunt, versorgte sich mit Getränken an der Theke und unterhielt sich lautstark. Als das Saallicht langsam ausging – sehr langsam – wurde es mit der zunehmenden Dunkelheit erst zögernd, dann schnell ruhig. Vorfreudiges Klatschen und einige laute Ausrufe erschallten, dabei passierte auf der Bühne noch gar nichts. Dann war auf einmal Rainald zu sehen, der an der Bühnenseite den Kopf rausstreckte und zum Publikum blickte. Der Applaus ging laut los, und er ging in kleinen, etwas steifen Schritten bis zur vorderen Bühnenmitte, wo er stehenblieb. Das Klatschen war laut und dauerte lang, was Rainald sichtlich freute. Was für eine schöne Begrüßung!
„Mein Name ist Rainald Grebe und ich bin Schlaganfallpatient“, begann er. Huch, was war mit seiner Stimme? Sie wirkte gebrochen und sehr leise. Manche Silben vernuschelte er noch leicht, was eine Folge der Schlaganfälle, beim Zuhören aber kein Problem war. Er sprach jedoch ungewöhnlich leise und drucklos. Als hätte er keine Kraft. „Wer bin ich und wer war ich?“, fragte er und stellte fest: „Ich war in der Reha. Früher war manches besser. Ich habe viel vergessen.“

Ich hörte angestrengt zu und war besorgt. Was war los? Plötzlich klang die Stimme von Franz Schumacher, der am Mischpult saß, durch den Saal: „Rainald, setz mal dein Headset richtig auf!“ Rainald ruckelte das Set auf seinem Kopf zurecht und fragte: „Ist jetzt besser?“ und war dabei sehr laut und deutlich zu verstehen. „Ja“, war die Antwort von Franz. Ach, die im Saal schwach und leise klingende Stimme hatte nur am schiefen Headset gelegen, was für ein Glück! „Hat man jetzt gar nichts gehört?“, fragte Rainald besorgt in Richtung von Franz. Aber der beruhigte: „War nur ’n bisschen leise.“
Rainald setzte sich ans Keyboard, spielte die ersten Akkorde und begann zu singen: „Es gibt Länder …“ Jubel brach aus und er musste kurz abwarten, bis das begeisterte Publikum leiser wurde und er weitermachen konnte mit: “ … wo was los ist.“ Schon wieder Jubel.

Die nächste Zeile wurde um mich herum von vielen Besuchern schon leise mitgesungen. „Es gibt Länder, wo rrrrichtig was los ist. Und es giiiiibt …“ Dann kam, freudig vom Publikum mitgesungen: „Brandenbuuurg“. In der Wiederholung sang Rainald: „Thüringeeeen“, und die Freude im Saal war wieder groß. Rainald war zurück! Der brach ab und erinnerte sich an sein Leben vor den Schlaganfällen: „Ich war Erfinder von Akkorden und Texten“. Außerdem habe er an der Elfenbeinküste gesungen, fiel ihm ein. Zum Beweis gab es einen kurzen Videoeinspieler, bei dem er mit einem afrikanischen Mädchenchor den Helene-Fischer-Hit „Atemlos“ sang. Der echte Rainald wedelte dirigierend vor der Leinwand, während das Publikum vergnügt lachte.

Dass Rainalds Aussprache bei manchen Endsilben noch immer etwas beeinträchtigt war, war zu hören, dass er sich vorsichtig bewegte und sehr konzentrierte, war zu sehen. Er wirkte ungewohnt zurückhaltend und war zunächst auf das Programm, die Ansagen und seine Aussprache fokussiert. Aber es war Rainald Grebe, der auf der Bühne stand. Etwas angeschlagen, etwas beeinträchtigt, aber bereit, ein gutes Programm abzuliefern. Und das tat er.
Er begab sich weiter auf die Suche nach seinem Ich in der Vergangenheit: „Wer war ich denn?“, fragte er sich und rief: „Ich war in Hongkong Barpianist! Ich konnte alles auswendig damals!“ Er spielte zwei Zeilen von „As times goes by“ an und sang dazu. Oh, das passte gut, denn es war ein kurzer Ausschnitt aus seinem Programm „Das Hongkong-Konzert“ und es passte auch in der Aussage: Wie die Zeiten vergehen. Offen redete er darüber, dass sein Gedächtnis seit den Schlaganfällen Probleme machte. Das war für einen Bühnenkünstler schwierig, und dementsprechend konnte ich seine hohe Konzentration auf die gesprochenen und gesungenen Texte gut nachvollziehen. Es lief aber alles. Wenn er im Ablauf kurz zögerte, schaltete sich Franz Schumacher sofort ein und wies kurz auf den nächsten Punkt hin. Das lief so selbstverständlich, dass ich mich als Zuschauerin sicher fühlte. Ich machte mir keine Sorgen, dass Rainald aus dem Konzept kommen könnte. Er wirkte wach und konzentriert und bei jedem Zögern gab Franz den nächsten Schritt an. Das lief souverän.
Bei einer kurzen Fotoshow zum Thema Stadtmarketing wurden die seltsamen Werbesprüche diverser deutscher Städte locker von Rainald und Franz kommentiert, was sehr witzig war.

Rainald erzählte, dass Sachsen-Anhalt vor einigen Jahren den Slogan „Das Land der Frühaufsteher“ hatte und kündigte passend das Lied Sachsen-Anhalt an. Der Gitarristen Marcus Baumgart kam auf die Bühne, der bei vielen Bühnenprogrammen mitgespielt hatte, und wurde mit viel Applaus begrüßt. Er setzte sich, griff zur Gitarre und es ging los. Auch diesmal wurde im Publikum von einigen Leuten leise oder auch halblaut mitgesungen.

„Sachsen-Anhalt“ war das erste, nicht nur kurz angesungene, sondern komplette Lied an diesem Abend. Rainald sang den Text recht nüchtern herunter, hatte manche Silben leicht verwischt und konzentrierte sich merklich auf Zeilen und Aussprache. Dabei war er ein wenig atemlos und lag tonal nicht immer ganz richtig. Alles nicht wirklich schlimm, aber vermutlich nicht so, wie er es haben wollte. Seltsamerweise passte das anscheinend nachlässige Singen, das fast schon ein Heruntersingen war, unerwartet gut. Es gab eine Distanz zum gesungenen Text, die wie gewollt wirkte. „Mein Opa ist glücklich gestorben und war nie da“, sang er, und es gab lockere, vergnügte Lacher. Wie auch früher immer. Es funktionierte gut. Wer Rainald vorher nie live gesehen hatte, hätte glauben können, dass er immer so war.
„Manche denken wegen der Lieder ja, dass ich von da komme“, sagte Rainald und bezog sich auf den deutschen Osten. „Aber ich komme aus einem westdeutschen Reihenhaus und habe ‚rübergemacht‘. Und so klang das damals.“ Es folgte Familie Gold, das Lied über das anscheinend sorgenfreie und behütete Aufwachsen in einer westdeutschen, bildungsbürgerlichen Reihenhausfamilie. „Unsere Eltern haben uns mit Hanuta beworfen, es hat uns an nichts gefehlt. Aber genau das war das Problem.“ Marcus saß in Konzertgitarrenhaltung und spielte wunderbar, und Rainald saß hinter dem Keyboard, sang, aber spielte nicht. Das fiel kaum auf, denn die Gitarre deckte alles ab. Rainald Stimme war in den tieferen Lagen noch etwas brüchig, die hohen Töne kamen dagegen klar und kräftig. Der Text saß. Ohne Stocken und anscheinend problemlos. – Wie sehr ich mich darüber freuen konnte, dass ein Liedtext saß!

Nach dem Applaus rief Rainald: „Ach nee!“, und erinnerte sich: „Ich habe Theater gemacht! Damals in Hannover. Ein Technikprojekt.“ Mit ernstem Gesicht sagte er dem Publikum: „Ich bin ja Techniker“, woraufhin ein hörbar prustender Lacher von Franz am Mischpult kam, der auch Rainald zum Grinsen brachte.
Das psychologische Jahrhundert ist vorbei wurde wieder nur von Marcus auf der Gitarre begleitet. Der spielte sehr abwechslungsreich und das Keyboard fehlte überhaupt nicht. Mehr und mehr sang Rainald sich ein und seine Stimme wurde sicherer, kräftiger und wärmer. Nach dem etwas ungeölten Beginn, bei dem er sich vor allem auf Ablauf, Texte und Aussprache konzentriert hatte, liefen sich Hirn und Stimme jetzt frei. Er konnte loslassen und wurde merklich lockerer. Immer mehr vom vertrauten, souveränen Bühnen-Rainald kam zurück.
Gerührt, erfreut und ein bisschen wehmütig guckte ich auf die Bühne. Vor 22 Jahren hatte ich Rainald das erste Mal mit einem Soloprogramm gesehen. Vor fast 20 Jahren zum ersten Mal zusammen mit der „Kapelle der Versöhnung“, die aus dem Gitarristen Marcus Baumgart und dem Schlagzeuger Martin Brauer bestand. Danach habe ich viele Soloprogramme und Programme mit Kapelle in kleineren Sälen, in großen und dann in der sehr großen Waldbühne gesehen, wo die „Kapelle der Versöhnung“ zum „Orchester der Versöhnung“ erweitert wurde. Jetzt sah ich auf der Bühne vor mir Rainald und Marcus, die inzwischen – so wie ich – zwanzig Jahre älter geworden waren. Rainald hatte Schlaganfälle durchgestanden und kam gerade zurück auf die Bühne, und die „Kapelle“ war nur noch eine halbe, denn Martin war vor fünf Jahren gestorben. Das Leben war Veränderung, und es zeigte sich wieder, wie wichtig es war, das JETZT mitzunehmen und bewusst zu genießen. Wie außerordentlich schön und gar nicht selbstverständlich war es, dass ich gerade Rainald und Marcus auf der Bühne erleben konnte!
Franz und Rainald zeigten einen Ausschnitt aus einem älteren Musikvideo, das die damals populären Zwillinge Lisa und Lena gemacht hatten. Mithilfe einer App konnten solche coolen Filmchen gemacht werden. Das wollten Franz und Rainald damals auch ausprobieren und zeigten jetzt das Video, das bei ihrem Versuch rausgekommen war: Überforderte Männer mit fragenden Gesichtern.

Im Gelächter des sehr vergnügten Publikums startete das nächste Video, in dem programmierte Roboter autonom Fußball spielten. Unbeholfen trippelten die humanoiden Roboter auf den Ball zu, verfehlten ihn, fielen hin, und während Rainald vor der Leinwand temperamentvoll und anfeuernd kommentierte: „Jetzt, jetzt! Schieß doch mal!“, „Nun schieß doch!!“, quietschte das Publikum vor Vergnügen.

Als sich alle beruhigt hatten, sagte Rainald: „Pause.“ Was? Es waren doch erst 35 Minuten vergangen. Die meisten Zuschauer hielten es für einen Spaß, zumal Rainald und Marcus auf der Bühne sitzen blieben. „Das war der erste Teil“, erklärte Rainald. Er grinste: „Der zweite wird dann kürzer.“ Mit Blick zu Marcus erinnerte er sich: „Ach, was haben wir damals gespielt. Drei Stunden.“ Franz schaltete sich per Mikro dazu: „Ich fand die erste Hälfte gut.“ Rainald war skeptisch: „Ich hab mich gar nicht verstanden. Ich rede ja wie ein Eimer Biomüll.“ Er setzte sich, holte eine bereitgelegte Banane, schälte sie in großer Ruhe und biss hinein. Marcus spielte entspannende Gitarrenmusik. Es war tatsächlich Pause. Mit Rainald und Marcus auf der Bühne.

Na klar, dachte ich. Rainald war noch nicht wieder richtig fit. Es war vermutlich noch zu anstrengend, eine Stunde am Stück zu spielen, zwanzig Minuten Pause im Backstagebereich zu verbringen und dann nochmal vierzig oder mehr Minuten auf der Bühne zu sein. Ich hatte vor Jahren einen Burnout und weiß noch, dass danach die Zeitspanne meiner Leistungsfähigkeit und Konzentration recht kurz war und sich erst im Lauf der Zeit normalisierte. Wenn meine Energie damals verbraucht war, ging es schnell und unaufhaltsam runter. Darum war es richtig, rechtzeitig eine Entspannungspause einzulegen und den Konzertabend nur so lange zu machen, wie er gut klappte, ehe es plötzlich wegbrach und das Ergebnis nicht mehr gut war. Und zu Rainald passten ungewöhnliche Abläufe durchaus, wie zum Beispiel eine Pause auf der Bühne, die dort wie im Backstagebereich verbracht wurde.
„Wie war das Publikum?“, fragte Franz den entspannt essenden Rainald. „Ja, geht noch besser“, meinte der. Dabei war das Publikum sehr aufmerksam und äußerst positiv dabei. Das redete und klatschte eben nicht viel rein, das hörte intensiv zu, war voll da und sang oft leise mit. Ich konnte das beurteilen, ich saß mittendrin. Als Rainald die Bananenschale ein Stück weiter runterzog, fiel ein Stück Banane auf den Boden. Er bückte sich, hob es auf, wischte mit der Hand ein wenig daran herum, sagte: „Die haben hier vorher ja saubergemacht“, und steckte es in den Mund. „Iiiieh!“ waren einige Zuschauerinnen zu hören. Rainald kaute und grinste breit.
Franz forderte ihn auf: „Komm, wir üben mal Wörter für die zweite Hälfte!“, und zeigte auf der Leinwand Logopädieübungen. Rainald las sie laut ab und sprach alle sehr ordentlich aus. Oft so gut, dass gar nicht zu ahnen war, dass sie mal Probleme gemacht haben könnten. Den „Schriftsteller“ änderte er beim Ablesen in „Autor“, was Franz gelten ließ.

Als die Banane gegessen war, sagte Rainald: „Jetzt kommt noch ’n Pausenlied. Wir müssen die Pause weiter verlängern.“ Marcus begleitete fein und sanft mit Zupfgitarre, während Rainald Während du schliefst sang. Ein Lied über eine Beziehung, die im Alltag gelandet war. „Ja, der Alltag, ja, der Alltag, tick tick tick tack. Der Alltag ist ein alter Pitbull, der sich in uns verbissen hat.“ Es blieb trotz Alltag ein Liebeslied, denn auch wenn in einer vertrauten Beziehung die Welt draußen vermeintlich spannend weiterging, gab es im täglichen Alltag auch Ruhe und Sicherheit. Bei der Zeile: „Während du schliefst, wurde auf Borneo …“ sang Rainald das ‚eo‘ am Ende des Wortes mit einem unerwarteten Kiekser. „Oh!“, machte er erschrocken, lachte leise und kommentierte schnell: „Na, die Stimme“, sang dann aber sofort weiter: “ … eine neue Affenart entdeckt.“ Die letzte Zeile war: „Und ich hab Kaffee gemacht“, dem er sofort sprechend anschloss: „Pause vorbei.“ Der Übergang vom Programm zur Pause und zurück zum Programm war fließend. Vor allem, wenn in der Pause ein Lied gesungen wurde.
Für das nächste Lied stand Rainald auf und sagte dabei halblaut, wie zu sich selbst: „Stehend, die Logopädin hat das gesagt.“ Also stand er neben dem Keyboard, die Hände in den Hosentaschen, und sang Simplify your life.

Da stand er nun, der Rainald, und sang von der Überforderung im Leben, vom hohen Stapel auf dem Schreibtisch, der immer komplexer werdenden Welt und den vielen Widersprüchen. Er wirkte hilflos angesichts der vielen Sachen, die ihn überrollten und endete mantramäßig in den Sätzen: „Alles wird einfacher. Es wird einfacher. Alles wird einfacher …“ Auch sonst mochte ich das Lied und vor allem den Text sehr, aber gerade jetzt, mit dem Wissen um seine Schlaganfälle, die sein Leben noch viel komplizierter gemacht hatten, war es sehr berührend. Und sogar philosophisch. Das „Alles wird einfacher“ wirkte optimistisch und Mut machend.

Es gab schon wieder sehr viel Applaus. Rainald drehte sich danach zu Marcus und rief enthusiastisch: „Wir sind jetzt wieder auf Tour! Marcus, auf Tour!! Sieh dich mal um, ist was anders geworden?“ Marcus guckte sich pflichtschuldig um, da stellte Rainald schon fest: „Nee!“ Die deutschen Fußgängerzonen, die auch überall gleich waren, passten inhaltlich als nächstes Lied.
Wieder sang Rainald und wurde nur von der Gitarre begleitet. Die Keyboardklänge vermisste ich weiterhin überhaupt nicht, mir fiel tatsächlich nur optisch auf, dass Rainald nicht auf den Tasten spielte. Auch das war eine Entlastung für ihn, denn so konnte er sich nur auf den Text und das Singen konzentrieren. Alles, was er früher locker durcheinander und gleichzeitig gemacht hatte – Ansage, kleine Bemerkung, ins Publikum gucken, grinsen, fünf Schritte bis zum Keyboard laufen, hinsetzen, Akkorde spielen, Melodie singen, Text abrufen, mit dem Publikum interagieren – war für ihn nach den Schlaganfällen nun eine Menge von Einzeltätigkeiten, die bewusst gemacht werden mussten. Aber es funktionierte, die alten Lieder saßen und die Texte wirkten immer noch. Rainald war der Showmaster, das Publikum lachte auf, sang Refrains leise mit und freute sich über die musikalische Reise in frühere Programme, quer durch die Zeit.

„Das nächste Lied ist nicht so alt. Da war ich schon krank“, ordnete Rainald Der Bass muss laufen ein. Es ging um natürliche Alterungsprozesse und begann mit: „Das weiße Haar am Sack, das Knacken in den Knien, minus zehn Dioptrien, Drecksbiologie.“ Die Zuschauer, die altersmäßig weitgehend wussten, wovon er sang, lachten sehr vergnügt. „Elvis hab ich überlebt“, war eine Textzeile, die so passend war, dass ich leise ein zufriedenes „Jou!“ nickte. Und auch die Zeilen: „Immer wenn ich was vergesse, dann denke ich, war das jetzt Desinteresse oder sind das Alterungsprozesse“, passten gerade sowohl zu natürlichen Alterungsprozessen als auch zu Gedächtnisproblemen nach Schlaganfällen. Im Refrain wurde es schneller und schneller, und das Publikum stieg mit lautem Klatschen im Takt ein. Partystimmung.

Inzwischen kam der „alte“ Rainald, der in diesem Fall der „gesunde“ war, immer mehr zum Vorschein. Er wurde nicht nur lockerer, sondern lässig und witzig und war merklich gut gelaunt. „Ich war ein Heartbreaker“, sagte er, und auf der Leinwand erschien ein Jugendbild von ihm mit Haartolle, großen Augen und ernstem Blick. „Wow!“ machte das Publikum anerkennend. „Und heute bin ich Kassenpatient“, schob Rainald hinterher und ein aktuelles Foto folgte. Wobei vermutlich fast alle Menschen auf Bildern, die sie vierzig Jahre nach ihren Jugendbildern zeigen, wie Kassenpatienten aussehen. Stichwort: Alterungsprozesse.
Nicht nur das Publikum, auch Rainald selber amüsierte sich über ein kurzes Video, das ihn bei einem Versuch zeigte, unter einer niedrigen Limbostange – nicht zu tanzen, sondern überhaupt durchzukommen. Es war nicht so, dass er das in jungen Jahren geschafft hätte.



Es ging weiter mit Lonely planet, das so ruhig und schön wie schon immer war. Im Publikum war es andächtig still. Wer Rainald von früheren Live-Programmen kannte, erlebte ihn an diesem Abend nicht so quirlig, sprudelnd und explodierend wie damals. Aber auch die ruhigere Version war stark, die Rainald-Essenz war weiterhin da. Es war faszinierend. Er war durchgehend im Mittelpunkt und hielt das Publikum problemlos bei sich. Alle hörten zu, guckten, reagierten auf ihn. Er war präsent. Nicht so ungestüm wie früher, aber die spürbare Zerbrechlichkeit machte den Abend eher noch intensiver.

Bei China sang Rainald von Chinesen, die er in der Wohnung hatte, und Marcus sang im Refrain als Echo passend: „Ching Chong“ dazu. Mit nur einer Taste des Keyboards, die Rainald im Rhythmus drückte, bekam die Gitarrenbegleitung eine fernöstliche Prägung.

Rainald wandte sich danach an seinen Kollegen: „Marcus, die zweite Hälfte ist ja kurz. Jetzt kommt das letzte Lied.“ Das übliche bedauernde „Ohhhh“ des Publikums fiel sehr mager aus, weil die meisten Zuschauer wohl nicht glaubten, dass das stimmte. Seit Konzertbeginn war ja gerade mal eine Stunde vergangen. Wobei ich mich auch über ein einstündiges Konzert sehr gefreut hätte. Hauptsache, es gab überhaupt eins. Mir war schon klar, dass „der Schlaganfallpatient Rainald“ zwar offen mit seinen Einschränkungen umging, aber keinen Mitleidsbonus haben wollte. Sollte die Energie plötzlich abfallen, würde er das Konzert wohl frühzeitig beenden, ehe es schwach ausplätschern würde.
Bei Kassettenrekorder sang Rainald: „Sometimes I feel so overfordert und ich weiß, ich bin da nicht allein.“ Dann kam die Textzeile: „Jetzt kommt die letzte Strophe, wie ging denn die nochmal?“, und da musste auch Rainald auflachen, weil das zwar ein alter Text war, aber vermutlich eine Frage, die er sich gerade häufig stellte.

Im Endapplaus stand Rainald auf, Marcus erhob sich ebenfalls und unter lautem Klatschen und Jubeln verbeugten sie sich, blieben eine Weile im lauten Applaus stehen und gingen dann ab.


Der Applaus ging weiter und schon nach kurzer Zeit kam Rainald alleine zurück und setzte sich hinter das Keyboard. „Und jetzt?“, fragte er freundlich. Sofort erschallten Rufe aus dem Publikum: „Brandenburg!“ „Ich bin der Präsident!“ Marcus kam mit einer Flasche Rosé und einem Glas auf die Bühne, setzte sich auf seinen Stuhl und stellte Flasche und Glas sorgfältig in Griffnähe ab. Rainald beobachtete ihn und grinste: „Ach, grüner Tee, ach ja.“

Er wandte sich ans Publikum: „Jetzt kommen die Zugaben. Das wird ein langer Teil.“ Als Reaktion darauf gab es lautes Klatschen und freudige Jubelrufe. „Das erste Lied ist aus einer Zeit, da hab ich nicht auf den Inhalt geachtet“, erklärte Rainald und sang Arbeitslos in Grönland. Die ruhige Stimmung des Liedes mochte ich immer schon sehr. Und der Text hatte schön sentimentale Zeilen: „Arbeitslos in Grönland, das muss schrecklich sein. Das viele Eis und die ganze Zeit allein.“
Es folgte eine Zusammenstellung von skurrilen Fotos, die Franz und Rainald unterwegs auf den Touren gemacht hatten. Zur musikalischen Untermalung spielte Marcus Gitarre und Rainald am Keyboard Akkorde. Dazu sang er englisch und mühte sich auffallend schwerfällig mit der Aussprache ab. Er selber musste immer wieder sehr über seine Probleme mit den englischen Wörtern lachen. Seine eigene Reaktion war auch für die Zuschauer lustig. Vermutlich war englische Aussprache bei Logopäden nur im Programm für Fortgeschrittene.



Nach dem Applaus blickte Rainald auf seinen Programmzettel und sagte: „Das können wir doch nicht mehr spielen! Es ist März!“ Dann machte er es doch und begann mit sanfter Stimme: „Erster Januar, sechs Uhr früh. Da liegt ein Kondom im Fondue. War ’n schönes Silvester.“ Hach, Silvester, das mochte ich so gerne. Auch von anderen Leuten im Publikum kamen freudige Reaktionen. Vor drei Jahren hatte Bodo Wartke das Lied bei Rainalds Waldbühnenkonzert gesungen. Der Kontrast der ersten Zeilen zum korrekten Klavierkabarettisten Bodo war durchaus vorhanden, aber es hatte perfekt funktioniert und hätte dann erstaunlicherweise auch ein Wartke-Lied sein können. Jetzt sang es wieder Rainald, und er sang es mit ruhiger Stimme, unterlegt von einer wunderbaren Gitarrenbegleitung.

Der Text war liebevoll, lustig und auch ein wenig sentimental, und es war wunderschön. Das war Rainald – leise und sehr berührend. Die letzte gesungene Zeile war: „Es wird wunder- wunder- wunder- wunder- baaar.“ Ja, genau das dachte ich auch gerade. Diese Konzertreihe war nur der Anfang.
„Wir haben noch ein Lied über märchenhaften Reichtum“, sagte Rainald und begann Der Billiardär mit: „Da steht ein Pferd“, und wieherte kurz und textkorrekt. Das gab schon wieder freudige Lacher im Saal. Das Publikum war weiterhin sehr aufmerksam, lachte an jeder richtigen Stelle und sang auf die Textzeile: „Du fragst, was vor Armut schützt. Die Antwort lautet …“ laut und korrekt: „Grundbesitz!“ „Mein Teppich, der kann fliegen“, sang Rainald gegen Ende so wunderschön sensibel und brüchig, das ich wegschmolz. Wie schön das war!
Wieder gingen Rainald und Marcus gemeinsam zur Bühnenmitte, verbeugten sich und gingen unter lautem Applaus, Gejubel und ersten Standing Ovation ab.

Es wurde heftig geklatscht und sie kamen zurück. „Der Zugabenteil ist am längsten“, grinste Rainald und das Publikum jubelte schon wieder hocherfreut. Was für ein Abend! Rainald setzte sich ans Keyboard und fragte in Richtung Mischpult: „Franz, bist zu bereit für das nächste Lied?“ „Ja, wenn es das ist, was ich meine“, antwortete Franz.

Von Gitarre und Keyboard begleitet begann Eintagsfliege. Es war ruhig und romantisch. „Jetzt sitzen wir am Bootssteg, die Füße im See“, sang Rainald sanft. Abendstimmung, Ruhe, Zweisamkeit. Plötzlich war ein lautes Sirren zu hören und eine Eintagsfliege störte die Idylle. Die Fliege wurde live von Franz mit einem Kazoo eingesungen, besser gesagt eingesirrt, und gleichzeitig wurde der Rhythmus des Liedes hektisch. Sirrr, sirrr, sirrrrrr – die ganze romantische Atmosphäre war weg. Mit einem klatschenden Schlag auf seine Wange beendete Rainald nach kurzer Zeit den Eintagsfliegeneinsatz, was perfekt klappte. Es konnte wieder romantisch werden. Beim zweiten Auftritt der Fliege, die erneut hektisch sirrend die Ruhe störte, zögerte Rainald den Klatscher auf seine Wange heraus. Er lehnte sich zurück und wartete ab. Die Fliege sirrte und summte, wurde lauter und leiser, hörte sich zwischendurch wie ein schaltendes Motorrad auf dem Nürburgring an und hörte einfach nicht auf.

Rainald und Markus auf der Bühne hatten ihren Spaß, hörten zu und grinsten fröhlich. Franz am Kazoo hielt durch und sirrte immer weiter.

Endlich klatschte Rainald auf seine Wange und das Leben der sirrenden Fliege war beendet. Im Applaus applaudierte auch Rainald anerkennend in Richtung Franz.

Der Zugabenteil ging weiter. Rainald erzählte von einer neuntägigen Überfahrt auf einem Frachtschiff, die ihn zum Lied Atlantik gebracht hatte. Er sang vom Blau des Atlantiks, der einfach da war und nicht in Urlaub konnte, weil er keine Vertretung hatte. Rainald war locker und seine Stimme war geschmeidig. Auch die schnellen Textzeilen fluppten. Es war vertrackt. Die Stimme, der Körper und der Kopf brauchten krankheitsbedingt etwas Zeit, bis sie auf guter Betriebstemperatur waren, wenn alles lief, wurde es geschmeidig und locker, aber die Aktionszeit war nach hinten begrenzt, weil irgendwann Kondition und Konzentration nachließen. Körperlich und stimmlich war der Zugabenteil am besten und zeigte einen entspannten, lockeren Rainald, der sich anscheinend nicht mehr anstrengen musste und Freude am Auftritt hatte. Er wirkte so energiegeladen, als könnte er noch einige Lieder dranhängen.
„Jetzt kommt das letzte Lied“, stellte Rainald beim Blick auf seine Liste fest. „Hier steht nur noch eins drauf: Schlaflied.“ Das wurde wieder sanft und ruhig. Eine wunderbare Gitarre spielte dazu, und mit warmer, sanfter Stimme sang Rainald: „Es ist gut, es ist gut, es ist gleich vorbei … Wann kommt der Sandmann mit dem Sand und fährt mein Boot an die Wand.“ Im Publikum war es wieder atemlos still, alle hörten zu.
Am Ende gab es viel Applaus, es gab Standing Ovation, es wurde gejubelt und gepfiffen. Rainald und Marcus freuten sich sichtlich über den großen Beifall und wohl auch über den gelungenen Abend.



Sie gingen ab, leise Musik vom Band erklang und das Saallicht wurde angeschaltet. Das Konzert war beendet. Es hatte eine Stunde und 45 Minuten gedauert, was dann doch eine sehr normale Länge für ein Konzert war. Rainald war die ganze Zeit über auf der Bühne gewesen. Sogar in der Pause.
Was für ein berührender, schöner Abend! Ein gelungener Neustart in einer ersten, kurzen Tour. Rainald war wieder unterwegs. Wie schön, wie schön, wie schön!
Sachsen-Anhalt
Familie Gold
Das psychologische Jahrhundert ist vorbei
Während du schliefst
Simplify your life
Fußgängerzonen
Der Bass muss laufen
Lonely planet
China
Kassettenrekorder
Arbeitslos in Grönland
Silvester
Der Billiardär
Eintagsfliege
Atlantik
Schlaflied